Torite-Waza – Greiftechniken im Karate-Dô – verfasst von Matthias Golinski –
Dabei sind Griffe von der Grundmotorik her der vielleicht einfachste Technikkomplex im Karate. Der Greifreflex ist bei Säuglingen bereits ausgesprochen früh entwickelt und wir gehen mit unseren Händen bis zu unserem Lebensende wohl kaum einer Tätigkeit häufiger nach. Egal ob keim morgendlichen Zähneputzen, beim Schreiben mit dem Bleistift oder beim Autofahren, der Vorgang de Fassens ist immer in irgendeiner Weise enthalten. Demnach sind unsere Hände wie kaum ein anderer Teil unseres Körpers auch koordiniert und sensibilisiert. Die Techniken der 'greifenden Hände’ ('Torite',
manchmal auch 'Tuite', 'Tuidi' im okinawanischen
Hogan-Dialekt) waren früher fester Bestandteil des Kampfstil
eines jeden Karatemeisters. Bis heute sind Itosu Ankô
(1832-1916) und Miyagi Chôjun (1888-1953) auf Okinawa für
ihre überaus starken Griffe bekannt.
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Kampfstil der Mönchsfaust (chin. Luohan Quan). Alle diese sechs Stile wurden seinerzeit in Fujian geübt und lassen sich im Bubishi wiederfinden [E01]. Von verschiedenen okinawanischen Meistern wurden sie dann zusammen mit dem Bubishi nach Okinawa gebracht. So haben sich Meister wie Higashionna Kanryô (1853-1916), Matsumura Sôkon (1792-1896), Sakugawa Shungo (1733-1815), Uechi Kanbun (1877-1948)oder eben Miyagi Chôjun nachweislich länger in Fujian aufgehalten und dort die Kampfkünste studiert. Die bekannteste (und zugleich verkannteste) Greiftechnik
ist für die meisten Karateka zweifellos 'Hikite’,
die zurückziehende Hand bei den meisten Kihontechniken.
Interessant ist in diesem Zusammenhang die Definition Funakoshis
in seinem Buch 'Rentan Goshin Karate Jutsu’ von 1925: „Hikite
bedeutet, den angreifenden Schlag des Gegners zu fassen, ihn über
seine Reichweite hinaus zu ziehen und gleichzeitig zu drehen, um den Angreifer
aus der Balance zu bringen und zu werfen“ [E02]. Weiterhin kann beim Griff zum Arm direkt Druck auf die
diversen Vitalpunkte ausgeübt werden. |
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Obwohl sich Hikite auch hervorragend für die mittlere Distanz eignet, liegt die wahre Stärke von Greiftechniken in der Nahdistanz. Eng am Gegner hat man eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Es ist möglich, durch Griffe Muskeln zu trennen, den Blutkreislauf zu unterbrechen oder die Luft abzuschnüren. Derartige Griffe gehören zu den fortgeschrittenen Techniken des Karate und bedürfen eines langjährigen Trainings. Sie sollten unter der Aufsicht eines erfahrenen Lehrers und mit äußerster Umsicht geübt werden, da hier durchaus schwerwiegende Verletzungen möglich sind. |
Griffe sind auch ein grundlegende Bedingung für die meisten Hebel und Würfe. Es ist nur in Ausnahmefällen möglich, den Gegner zu Hebeln, oder gar zu Werfen, ohne zuvor die Kontrolle durch eine Griff gewährleistet zu haben.
Besonders wichtig ist für uns Karateka
mit Sicherheit der Übergang vom Schlag oder Stoß zum Griff,
sowie die Nutzung eines Griffs für einen folgenden Schlag oder Stoß.
Im Vergleich zu den Jûdôka ist der Wechsel von eine
Griff zum anderen für uns wohl eher von untergeordneter Bedeutung. Die vielleicht wichtigste Voraussetzung für eine
effektive Greiftechnik ist zweifellos eine gut ausgebildete Hand- und
Unterarmmuskulatur. Die okinawanischen Meister haben genau aus diesem
Grund bereits früh spezielle Übungsgeräte entwickelt: Chishi
(oder auch Chikara Ishi) ist ein Holzstab mit einem Steingewicht
an einem Ende; Nigiri Game sind zwei, mit Sand gefüllte,
Krüge die mit den Fingerspitzen gehoben werden; Sashi Ashi
ist ein Gewicht, das auf einer handgedrehten Rolle aufgewickelt wird.
Endnoten: [E01] Vgl. McCarthy, S. 151ff. zurück [E02] Funakoshi, S. 55 zurück
Weiterführende Literatur: |
| Dillman, George, Advanced Pressure Point Grappling: Tuite, Dillman Karate International, Reading, PA 1995 | |
| Funakoshi, Gichin, To-Te Jitsu, Masters Publication, Hamilton 1997 | |
| Martinez, Javier E., Okinawan Karate - The Secret Art of Tuite, Javier E. Martinez, San Juan 2001 |
| McCarthy, Patrick, The Bible of Karate: Bubishi, Charles E. Tuttle Company, Rutland (4)1997 | |
| Yang, Jwing-Ming, Analysis of Shaolin Chin Na: Instructor’s Manual for All Martial Arts, YMAA Publication Center, |
| Boston 1987 |
| Yang, Jwing-Ming, Comprehensive Applications of Shaolin Chin Na (Qin Na: The Practical Defense of Chinese Seizing |
| Arts for All Martial Arts Styles), YMAA Publication Center, Boston 1995 |
Yang, Jwing-Ming, Shaolin Chin Na, Unique Publications, Burbank 1980
m.E. Lind, Werner, Klassisches Karate-Dô: Gesundheits- und Vitalpunktlehrer, Trainingsführung, Selbstverteidigung, SVB Sportverlag Berlin, Berlin 1997
© Matthias Golinski, 2003-2004 www.TSURU.de Erstveröffentlichung: 10. Juli 2003 Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
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