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Sekkinsen – Die Nahdistanz im Shôtôkan
– verfasst von Matthias Golinski
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Wenn man das Phänomen „waffenloser
Zweikampf“ einmal losgelöst von allen Stilen und Schulen
betrachtet, lassen sich im Wesentlichen fünf Kampfdistanzen
unterscheiden:
Die Trittdistanz (Abb.1) ist die Weiteste. Solange
sich der unbewaffnete Gegner außerhalb dieser befindet, d.h.
mich mit seinen Füßen ohne einen Schritt oder sonstige
Bewegung zu tun nicht erreichen kann, stellt er keine größere
Gefahr dar.
Die nächst kürzere Stufe ist die Schlagdistanz
(Abb. 2). Nun ist der Gegner bereits so weit vorgekommen, dass Schläge
und andere Handtechniken für ihn die größte Erfolgswahrscheinlichkeit
und Effektivität haben.
Danach folgt die kurze Distanz oder auch Nahdistanz
(Abb. 3). Hier findet der Kampf vornehmlich mit Ellenbogen- und
Kniestößen statt. Nahezu fließend ist hier der
Übergang in die Kontrolldistanz (Abb. 4),
wo mit Griffen, Hebeln, Kopfstößen, Würfen etc.
gearbeitet wird. Dies setzt sich zwangsläufig im Bodenkampf
(Abb. 5) fort, wenn vorher kein KO erzielt wird. Der Abstand im
Bodenkampf ist nahezu derselbe, wie in der Kontrolldistanz, lediglich
in einer horizontalen Position.
Im Shôtôkan beschäftigen
wir uns heute größtenteils mit den ersten beiden Distanzen.
Dieses Kampfverhalten wurde die letzten fünfzig Jahre maßgeblich
durch den sportlichen Wettkampf geprägt. Die Kämpfer starten
hier aus einem Abstand von drei Metern zueinander und haben ein
Quadrat von acht mal acht Metern zur Verfügung. Clinch-Situation,
die nicht unmittelbar in einen Wurf übergehen, werden vom Kampfrichter
unterbrochen. Der Kampf ist durch ein schnelles Überbrücken
der Distanz, das Anbringen einer Technik/Kombination und einer genauso
schnellen Rückzugsbewegung gekennzeichnet. Eine wunderbare
Freizeitbeschäftigung für Tausende, vornehmlich junge,
Menschen weltweit.
Problematisch wird es lediglich, wenn man annimmt,
dass diese Kampfweise eins zu eins auch für reale Kämpfe
außerhalb des Dôjô gelten würde!
Der reale Kampf unterliegt komplett anderen, eigenen Regeln. Der
fehlende Kampfrichter und das fehlende Einnehmen einer Kampfstellung
sind nur zwei Beispiele.
Die Orte sind vielfältig: S-Bahnen, Diskotheken, Parkhäuser,
Kneipen etc. Gewalt tritt heutzutage nahezu überall auf und
lässt sich nicht mehr, wie früher einmal, nur in bestimmten
Stadtteilen und Etablissements antreffen. (Auch wenn heute zweifellos
manche Bereiche noch immer gefährlicher als andere sind.)
Definitiv sind
es aber immer Plätze wo wir weit weniger als 64 Quadratmeter
(!) freier Kampffläche zur Verfügung haben. Gewalt entsteht
heute meistens aus der Dialogdistanz (Abb. 6) heraus.
Diese beträgt zwischen 90 und 50 cm, viel zu klein für
weite Mawashi-Geri oder Suri-Ashi-Kombinationen
[Als Vergleich sei einmal die normale Kampfdistanz (Abb. 7) und
die Schlagdistanz (Abb. 8) im Kumite-Shiai angeführt].
Realen Kämpfen geht in der Regel ein durch
Beleidigungen und Einschüchterungsversuche geprägter,
hoch aggressiver verbaler Austausch voraus. „Dialog um das
ausgesuchte Opfer abzulenken und zu entwaffnen ist die häufigste
Vorbereitungstechnik des professionellen Angreifers“ weiß
Geoff Thompson, 6. Dan, durch langjährige Türstehererfahrung
[E01].
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Und auch Tony Blauer, ein angesehener
amerikanischer Selbstverteidigungsexperte kennt die Gefahren der
kurzen Distanz: „Die gefährlichsten Kämpfe beginnen
immer in der Nahdistanz.“ [E02]
Im Gôjû-ryû oder Wing
Chun zum Beispiel ist der Umgang mit der Nahdistanz im Training
seit langem ein 'alter Hut’. „Ja das sind ja auch nahkampforientierte
Stile. Shôtôkan hingegen ist geradlinig und
besiegt den Gegner aus der Tritt- und Schlagdistanz“ werden
jetzt einige anmerken. Das ich hier anderer Ansicht bin, soll nur
am Rande erwähnt werden.
Grundsätzlich ist das Ziel des Trainings ausschlaggebend für
die Trainingsgestaltung. Interessant ist in diesem Zusammenhang,
dass Stile die sich dem sportlichen Wettkampf geöffnet haben,
wie etwa das Taekwondô, die nördlichen Kung
Fu/Wushu-Stile oder eben das Shôtôkan-Karate
heute aus überaus weiten Distanzen kämpfen und ihre Fußtechniken
stark akzentuieren. Im Gegensatz dazu verwenden traditionelle Stile
ohne Wettkampfeinfluss, wie etwa das chinesische Wing Chun/Wing
Tsun, das okinawanische Kojô-Ryû oder
Uechi-Ryû, das philippinische Kali/Escrima
oder das Taiji kaum hohe Fußtritte und suchen die
Entscheidung meist im Nahkampf. Demnach scheint die Konzentration
auf lange Kampfdistanzen durch den sportlichen Wettkampf wesentlich
verstärkt zu werden. Auch wenn diese Aussage lediglich empirischer
Natur und keineswegs repräsentativ ist, sind Überlegungen
über den Einfluss des Wettkampfs auf die Trainingsstrukturen
ausgesprochen interessant.
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Wie dem auch sei, eine Stil-Debatte führt an dieser
Stelle komplett am Problem vorbei. Da wir die Distanz in den seltensten
Fällen selbst bestimmen können, sollte die Frage demnach lauten,
WIE wir uns in der Nahdistanz verhalten müssen!
Das Wichtigste ist es hier konsequent eine Entscheidung zu suchen. Die
Nahdistanz mündet schnell im Bodenkampf und dieser ist unter allen
Umständen zu vermeiden. Karate bietet uns hier eine Reihe effektiver
Techniken um die Nahdistanz zu kontrollieren und den Bodenkampf zu umgehen:
• Zuerst einmal eine Reihe
von Schlagtechniken (Tsuki-Waza). Meistens ist die Dialogdistanz
für einen grundschulmäßigen Gyaku-Zuki zu klein.
Hier passen Techniken wie Mawashi-Zuki, Kagi-Zuki, Tate-Zuki
oder Ura-Zuki hervorragend. Ähnlich wie bei Boxkombinationen
sollte man geradlinige und kreisförmige Schläge schnell abwechseln
können, um dem Gegner das Abwehren zu erschweren. Die passive Hand
sollte entweder über Griff-und-Zug-Bewegungen (Hikite) den
Gegner kontrollieren oder als Schutz vor den Körper genommen werden.
Uraken ist in dieser Distanz ebenfalls gut einsetzbar. Auch Faustvariationen
wie Ipponken, Hiraken oder Nakadaka Ipponken
bieten sich hier an.
• Ellenbogenschläge
(Empi-Uchi) sind DIE Nahkampftechniken. Mit ihnen kann man selbst
mit wenig Übung schon ausgesprochen gute Ergebnisse erzielen.
• Von Tritttechniken (Keri-Waza)
ist hingegen eher abzusehen. Wenn überhaupt, dann sollte man sie
lediglich unterhalb der Hüfte einsetzten, um den Gegner abzulenken.
Fumikomi, Kansetsu-Geri und Kin-Geri können
helfen. Sämtliche Tritte oberhalb der Hüfte sind in dieser Distanz
ausgesprochen gefährlich und sollten unbedingt unterlassen werden.
• Mit Kniestößen
(Hiza-Geri) verhält es sich ähnlich, wie mit den Ellenbogentechniken.
Auch sie sind schon nach wenig Übung einsatzbereit und oft von enormer
Wirkung.
• Eine Technik mit der nahezu
jeder Kneipenschläger vertraut ist, die aber im Karate meist nur
eine unbedeutende Rolle spielt ist der Kopfstoß (Tsu-Zuki).
Auch wenn man ihn selbst nicht einsetzt, muss man sich unbedingt vor Kopfstößen
des Gegners in acht nehmen.
• Hebel (Kansetsu-Waza),
Würfe (Nage-Waza) und Würger (Shime-Waza)
sind klassische Techniken der nahen Distanz. Ein (zumindest grundlegendes)
Wissen um den Umgang mit ihnen kann ich nur empfehlen.
• Auch Techniken der 'klebenden
Hände’ (Mushimi oder Kakie) leisten zur Kontrolle
der Nahdistanz hervorragende Hilfe und lassen sich gut mit Hebeln kombinieren.
• Die Abwehr sollte locker
und flüssig erfolgen. Nagashi-Uke und Mawashi-Uke
passen sehr gut. Starke Blocktechniken sind hier nicht geeignet. Ein Ausspruch
von Motobu Chôki, einem der größten okinawanischen
Kumite-Spezialisten ist hier vielleicht hilfreich: „Verwende
Techniken, die in einer Bewegung Angriff und Abwehr beinhalten.“
[E03]
• Die Stellung muss kurz
gewählt werden. Sanchin Dachi oder verkürzte Ausführungen
von Zenkutsu- und Sôchin-Dachi passen gut. Die
Hüft- und Körperbewegungen (Tai-Sabaki) sollten aus
diesen kurzen Stellungen besonders geübt werden, da hier die Standfestigkeit
z.T. wesentlich geringer ist.
Die Kontrolle der Nahdistanz ist seit jeher integraler Bestandteil der
meisten traditionellen ostasiatischen Verteidigungssysteme. Auch das Karate
hat von seiner Struktur her das Potential, den Schüler auf alle fünf
Kampfdistanzen (einschließlich dem Bodenkampf) vorzubereiten! Die
meisten benötigten Techniken und Kampfprinzipien sind noch immer
in den traditionellen Kata enthalten. Wir sollten die Chance
nutzen und über den gewohnten Tellerrand hinausschauen, anstatt uns
unter dem Schutzschild einer falsch verstandenen Stilwahrung selbst einzuschränken.
Endnoten:
| [E01] |
Thompson (1997I), S. 7 zurück |
| [E02] |
Blauer in Sigle, S. 41 zurück |
| [E03] |
Motobu in Lind, S. 226 zurück |
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Bibliographie:
| Kernspecht, Keith R., Vom Zweikampf:
Strategie, Taktik, Physiologie, Psychologie, Philosophie und Geschichte
der |
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waffenlosen Selbstverteidigung,
Wu Shu-Verlag Kernspecht, Burg/Fehmarn (4)1994 |
| Lind, Werner, Okinawa-Karate: Geschichte
und Tradition der Stile, SVB Sportverlag Berlin, Berlin
1997 |
| Sigle, Marc, Tony Blauer – Panic
Attack, Kampfkunst International 10/98, S. 41 |
| Thompson, Geoff (1997I), Dead Or Alive:
The Choice is Yours, Paladin Press, Boulder 1997 |
Thompson, Geoff (1997II), Three Second
Fighter: The Sniper Option, Summersdale Publishers,
Chichester 1997 |
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