Kansetsu-Waza

Hebeltechniken im Karate-Dô

 

– verfasst von Matthias Golinski –

 

 Die Verwendung von Hebeltechniken (Kansetsu-Waza) im Karate hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Ein Grund hierfür ist wohl besonders in dem wachsenden Interesse an der Analyse (Bunkai) der Kata und Entschlüsselung der enthaltenen Anwendungen zu finden. In diesem Bereich bilden Hebel oft ein interessantes Werkzeug, um zuvor sinnlos anmutende Techniken zweckgemäß interpretieren zu können. Darüber hinaus eröffnen sie auch neue Perspektiven bekannter Techniken und Kombinationen.

Allerdings ist die Vermittlung von Hebeltechniken besonders auf Lehrgängen meist stark am Einzelfall orientiert. Die Hebeltechnik wird einzig für den aktuellen Anwendungsfall erklärt. Dieser Umstand stellt den Schüler häufig vor das Problem, dass er zwar eine effektive Anwendung erlernt hat, diese aber kaum von der Kata separieren und in seinen sonstigen Trainingsprozess integrieren kann. Aus diesem Grund soll im Folgenden einmal grundsätzlich auf die Thematik der Hebeltechniken und ihre Verwendungsmöglichkeiten im Karate eingegangen werden.

Kansetsu-Waza haben im Karate eine lange Tradition: Historisch basieren die Hebeltechniken des Karate wohl weitgehend auf dem alten chinesischen Selbstverteidiguns-System des Chin-Na (oder Qin-Na, chin.: Greifen/Ziehen und Halten/Kontrollieren). Die Grundidee des Chin-Na ist es, den Gegner effektiv zu kontrollieren, ohne ihn dabei ernsthaft zu verletzen oder gar zu töten[E01]. Hierzu verwendet das Chin-Na zahlreiche Griffe, Würfe und besonders auch Hebeltechniken[E02]. Die verschiedenen Techniken des Chin-Na wurden vorrangig von Polizisten und Sicherheitspersonal verwendet und sollen zum ersten Mal zwischen den Jahren 960 und 1279 n. Chr. im Shaolin Tempel systematisch erforscht und kategorisiert worden sein[E03]. Über diverse Handelsbeziehungen und den sonstigen kulturellen Austausch kam die Methode wohl schließlich von Süd-China nach Okinawa und beeinflusste dort das Tôde (oder Uchinadi, Okinawa-Te oder Karate).

Dementsprechend führt auch bereits das Bubishi zahlreiche Hebeltechniken auf. Meist werden die Techniken dabei als Vorbereitung für einen Wurf demonstriert. „[…] vielen der älteren Lehrer zufolge beinhalten mehr als die Hälfte der Kata-Anwendungen schmerzvolle Würfe oder Hebel, welche den Gegner zu Boden bringen, bevor er geschlagen oder getreten wird“, sagte Harry Cook, einer der renommiertesten Karate-Historiker weltweit[E04].

Abb. 1: Die 3 Hebelklassen.

Funakoshi Gichin (1868-1957) schreib in seinem Meistertext hierzu ziemlich eindeutig: „Im Karate sind Schläge, Stöße und Tritte nicht die einzigen Instrumente; Wurftechniken und der Druck auf Gelenke sind ebenfalls enthalten“[E05].

Ebenso demonstrieren andere Karatemeister dieser Zeit, wie etwa Mabuni Kenwa (1889-1952), Nakasone Genwa, Mutsu Mizohu oder Motobu Chôki (1870-1944) ganz selbstverständlich Hebeltechniken und Würfe in ihren Büchern.

Die häufig zu hörende Aussage, dass Hebeltechniken nicht ins Karate gehörten, dürfte damit wohl eindeutig entkräftet sein.

Abb. 2: Die Komponenten des Hebels.

Wichtig ist, dass die Hebeltechniken von Anfang an in einem sinnvollen System erlernt werden. Hierzu muss man sich zuerst einmal über die physikalischen Grundlagen eines Hebels klar werden. Denn nur mit dieser Basis ist es möglich, später die Möglichkeiten und Grenzen von Hebeltechniken im Kampf zu erkennen.

Ein Hebel besteht grundsätzlich aus drei Komponenten: einem Drehpunkt (D), einer wirkenden Kraft (K) und einer Last (L). Je nachdem, in welchem räumlichen Verhältnis diese drei Faktoren zueinander stehen, lassen sich drei Hebel-Kategorien unterscheiden:

 

Bei einem Klasse-1 Hebel liegt der Drehpunkt zwischen der Kraft und der Last. Klassische Beispiele finden sich etwa bei einem Hammer, oder einer Schere (vgl. Abb. 4).

 Bei einem Klasse-2 Hebel liegt die Last, wie etwa bei einem Flaschenöffner, zwischen der Kraft und dem Drehpunkt (vgl. Abb. 5).

 Beim Klasse-3 Hebel wirkt die Kraft, ähnlich wie bei einer Pinzette, zwischen Last und Drehpunkt (vgl. Abb. 6).

Was Hebeltechniken im Allgemeinen für die Kampfkünste so praktisch macht, ist folgender Zusammenhang:

 

Last x Lastarm = Kraft x Kraftarm (Hebelgesetz). 

 

Das Produkt aus der Kraft und der Entfernung vom Drehpunkt ist demnach auf beiden Seiten immer gleich groß. Dies ermöglicht es, mit geringem Kraftaufwand und richtiger Technikausführung (d.h. ausreichend langem Kraftarm) den Gegner effektiv zu kontrollieren. Hebel stellen folglich besonders für Menschen mit eher geringer Körperkraft ein hervorragendes Verteidigungswerkzeug dar und passen somit hervorragend zu Funakoshis Definition einer effektiven Selbstverteidigungsmethode[E06]. Zur besseren Verdeutlichung zeigt Abb. 3 die Bedeutung der Länge des Kraftarms für die aufzuwendende Kraft anhand zweier Beispiele. Wie unschwer zu erkennen ist, muss im unteren Fall wegen des größeren Kraftarms weitaus weniger Kraft aufgewendet werden.

Darüber hinaus besteht gerade im Karate eine weitere Notwendigkeit für den Einsatz von Hebeln: Der Unterricht in klassisch-japanischen Karatestilen basiert besonders in der westlichen Welt heute größtenteils auf Schlag- und Tritt-Techniken. Dies resultiert weitgehend aus der Prämisse eines Kampfes auf Leben und Tod. In vergangenen Zeiten war diese Haltung aufgrund der äußeren Umstände als wesentliche Trainingsgrundlage auch weitgehend berechtigt[E07].

 

Abb. 3: Der verminderte Kraft-aufwand durch Variation des Hebelarms.

 

Schaut man sich allerdings heutzutage das gesellschaftliche Umfeld, in dem Karate geübt wird, einmal an, so muss diese Haltung wohl etwas eingeschränkt werden. Beim allzu aufdringlichen Verehrern oder leicht alkoholisierten Störenfrieden wäre eine „tödliche Technik“ als Antwort moralisch ebenso wie rechtlich wohl wenig geeignet. Da sich Schläge und Tritte wohl besonders in Stresssituationen eher schwer ‚dosieren' lassen, stellt sich die Frage nach anderen Kontertechniken. Nach Ansicht des Autors sollte ein effizientes Verteidigungssystem allerdings auch für derartige Situationen sinnvolle Handlungsmöglichkeiten offerieren. Hebel können hier ein interessantes Bindeglied darstellen[E08].

Abb. 4: Ein Klasse-1 Hebel als Interpretation des Juji-Uke.

Wie einleitend erwähnt, werden im Karate noch immer relativ wenig Hebeltechnik verwendet. Wenn überhaupt, dann werden meist nur Arm-Hebel unterrichtet. Die meist gebrauchte Technik ist hier wohl der einfache Armstreckhebel (Te-Gatame), eine eher simple Anwendungsvariante des Gedan-Barai (vgl. Abb. 7). Funakoshi Gichin führt dasselbe Prinzip in seinem Buch ‚Rentan Goshin Karate Jutsu' (1925) bei dem Wurf Neijidaoshi an[E09].  

Weitere Hebel finden hingegen nur ausgesprochen selten Beachtung im Karateunterricht. Dabei sind Armhebel eher schlichte Vertreter der Rubrik. Daneben existieren unzählige Formen und Varianten von Nackenhebeln, Handgelenk- und Fingerhebeln, Beinhebeln, oder Fußhebeln.

Darüber hinaus lassen sich viele Hebel auch sehr effektiv mit verschiedenen Würgetechniken (Shime-Waza) und Würfen (Nage-Waza) kombinieren oder zu Halte-, Transport- und Kontrollgriffen (Osaekomi-Waza) ausweiten. Der gezielte Druck auf Vitalpunkte (Kyûsho-Waza) kann hierbei die Effektivität des Hebels noch verstärken.

Die Tatsache, dass diverse Hebeltechniken gar nicht vermittelt werden, hängt nach Ansicht des Autors zu einem gravierenden Anteil mit der mangelnden Routine der meisten Karateka im Umgang mit Hebeltechniken zusammen. Wenn überhaupt einmal Hebel vermittelt werden, so erfolgt dies in der Regel isoliert vom gewohnt Kampfschema („Wenn der Partner mit Oi-Zuki angreift, kann ich den Angriff abwehren und anstatt des Gyaku-Zuki-Konter hier einen Hebel ansetzten“). Wie man jedoch aus einer Freikampfsituation sicher einen Hebel ansetzt; eine Situation schafft, um einen Hebel auszuführen; von einer Schlagtechnik zu einem Hebel überleitet; oder einem Hebel eine passende Schlagtechnik folgen lässt, wird nur sehr selten vermittelt. Und eine Hebelkette, also der fließende Übergang von einem zum anderen Hebel, hat der Autor im westlichen Karatetraining klassisch japanischer Prägung noch nie erlebt.

Abb. 5: Ein Klasse-2 Hebel auf Basis der Kata Sôchin.

Abb. 6: Ein Beispiel für einen

Klasse-3 Hebel aus der Kata Jion.

Dabei sind derartige Übungen eine absolute Notwendigkeit, um Hebel effektiv einsetzten zu können. Kansetsu-Waza dürfen hier nicht als eine abgeschlossene Kunstform betrachtet werden, sondern müssen stets im Zusammenspiel mit weiteren Kampftechniken stehen. Das Grundschema ist hierbei relativ einfach: Der Hebeltechnik geht stets eine Schocktechnik voraus. Diese soll den Gegner kurzzeitig ablenken und somit die Anwendung der Hebeltechnik erleichtern. Wenn der Hebel effektiv angesetzt wurde, kann er zu einem Wurf oder Kontrollgriff umfunktioniert werden.

Damit ein Hebel im Ernstfall effektiv eingesetzt werden kann, muss er kontinuierlich im Training geübt und wiederholt werden. Hierbei ist besonders auf die Verwendung des richtigen Druckpunkts und der richtigen Gelenkstellung zu achten. Genau hier zeigt sich ein gravierendes Problem von Hebeln: Sie sind bereits von der Grundstruktur her wesentlich schwieriger als Schläge oder Tritte zu erlernen und stark vom jeweiligen Partner abhängig.

Eine solche Situation tritt beim Hebeltraining mit wechselnden Partnern relativ schnell auf: Die Technik funktioniert bei einem Partner sofort und beim nächsten scheinbar gar nicht. Unterschiedliche Hebelarme und Flexibilitäten der Gelenke beeinflussen besonders bei ungeübten Schülern die Effektivität der Hebel ungemein. Hier hilft nur eine gewisse Routine und Erfahrung mit Hebeltechniken.

Grundsätzlich gilt, dass Hebeltechniken im Ernstfall nur funktionieren, wenn sie regelmäßig und wiederholt geübt werden. Besteht diese Möglichkeit nicht, ist es unter Umständen besser, von vornherein auf Hebel zu verzichten. Ein guter Hebel kann im Ernstfall den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage ausmachen – ein schlechter auch!

Doch auch bei regelmäßiger und gewissenhafter Übung sind Hebel keineswegs die kämpferische Allzweckwaffe. Ebenso wie bei Schlägen, Stößen, Tritten, Würfen und alle anderen Techniken gibt es auch bei Hebeln zahlreiche Abwehr und Kontertechniken. Das dieses Wissen grundsätzlich auch im Karate existiert zeigt zum Beispiel ein Blick in Mabuni Kenwas 'Sêpai no Kenkyû' (Forschungen zur Sêpai) von 1934. Auf Seite 29 zeigt Mabuni eine Abwehr gegen einen umgekehrten Riegelstreckhebel und wiederum einen möglichen Konter auf diese Abwehr[E10].

 

Abb. 7: Te-Gatame – Die vielleicht meistverwendete Hebeltechnik im Karate

Abb. 8+9: Fingerhebel – Ein effektives Verteidigungsinstrument für körperlich schwächere Menschen. Hier als Präventivtechnik auf Basis der Kata Heian Shodan.

 Im heutigen Karateunterricht scheint dieses Wissen allerdings nahezu vollkommen verloren gegangen zu sein. In anderen Kampfsystemen, wie beispielsweise den klassischen japanischen Jû-Jutsu Ryûha, dem philippinischen Arnis/ Kali/ Eskrima, dem indonesischen Pentjak Silat oder dem Jeet Kune Do ist dieses Wissen allerdings noch weit verbreitet. Häufig wird doch die Hebelkontertechnik direkt im Anschluss an den Hebel unterrichtet. Ein Blick über den stilspezifischen Tellerrand kann hier wahre Wunder bewirken.

Bei regelmäßiger Übung können Hebel, ebenso wie Würfe oder Griffe, einen bedeutenden Anteil im Kampfrepertoire des Karateka darstellen. Die Thematik ist an sich schon ausgesprochen interessant und liefert selbst für ein tief greifendes Studium genügend Stoff. Da Kansetsu-Waza nachweislich auch von den alten Meistern verwendet wurden, stellt ein grundlegendes Wissen um diese Techniken besonders im Bereich der Kata-Analyse ein nicht zu unterschätzendes Hilfsmittel dar.

 

Endnoten



[E01] Vgl. McCarthy (1995), S. 152.

[E03] Vgl. Martinez (2001), S. 11.

[E04] Cook in Fraguas (2001), S. 8.

[E05] Funakoshi (1973), S. 227.

[E06] „Um sich selbst zu verteidigen, muss man eine Methode finden, die den Schwachen die Kraft gibt, um sich selbst gegen stärkere Gegner zu wehren“. Funakoshi (1973), S. 13.

[E07] Das Konzept war damals wie heute jede körperliche Konfrontation weitestgehend zu vermeiden. Falls dies nicht möglich ist und ein Verteidigungsbedarf besteht, ist die Situation zum Wohle aller Beteiligten schnellstmöglich zu entschärfen.

[E08] Bei stark alkoholisierten Personen oder unter dem Einfluss von Betäubungsmittel stehenden Menschen kann die Funktionalität von Hebeltechniken aufgrund des herabgesetzten Schmerzempfinden allerdings bedeutend eingeschränkt sein.

[E09] Vgl. Funakoshi (2001), S. 54. Im Karate-Dô Kyôhan wird dieselbe Technik als Komanage bezeichnet. Vgl. Funakoshi (1973), S. 228.  

[E10] Vgl. Mabuni/McKenna (2003), S. 29.

  

Bibliographie

Fraguas, Jose M. (2001): Karate Masters, Burbank 2001.

Funakoshi, Gichin (1973): Karate- Kyôhan: The Master Text, Tokyo 1973.

Funakoshi, Gichin (2001): Karate Jutsu: The Original Teachings of Master Funaksohi, Tokyo 2001.

Mabuni, Kenwa/ McKenna, Mario (Übers.) (2003): Sêpai no Kenkyû, Vancouver 2003.

Martinez, Javier (2000): Okinawan Karate – The Secret Art of Tuite, San Juan 2000.

McCarthy, Patrick (1997): The Bible of Karate – Bubishi, 4. Aufl., Rutland et al. 1997.

Yang, Jwing-Ming (1987): Analysis of Shaolin Chin Na: Instructor's Manual for All Martial Arts, Boston 1987.

Yang, Jwing-Ming (1995): Comprehensive Applications of Shaolin Chin Na, Boston 1995.

Yang, Jwing-Ming: (1980): Shaolin Chin Na, Burbank 1980.

  

Druckversion mit Bildern (als PDF-Datei)

Druckversion ohne Bilder (PDF-Datei)

© Matthias Golinski, 2005

www.TSURU.de

 Erstveröffentlichung: 15. März 2005

  

Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen dem Archiv des Autors oder sind mit der Genehmigung der jeweils verantwortlichen Dritten verwendet worden. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts unterliegen.
Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage (weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.

 

zurück