Vom Wissen und Können – verfasst von Matthias Golinski –
Die Entwicklung und rasante Verbreitung des Internets hat die Gesellschaften wohl aller Industrie- und Schwellenländer weltweit in den vergangenen fünfzehn Jahren bedeutend beeinflusst. Die Informationsvermittlung und Kommunikation ist wesentlich einfacher und vor allem globaler geworden. Selbstverständlich profitiert auch der interessierte Kampfsportler bzw. Kampfkünstler bedeutend von dieser Innovation. So sind Kontaktinformationen der meisten Kampfsportclubs weltweit mittlerweile problemlos online abrufbar. Einem selbst unbekannte Stile oder Meister werden mal eben „gegoogled“ oder über eine andere Suchmaschine „gesearcht“. Ebenso reicht meist schon die Eingabe eines einzigen Fachbegriffs aus, um seitenweise bebilderte Informationen und häufig sogar Videodateien zu erhalten. Den eher ‚konservativen' Vertretern der Kunst, die auch gerne einmal ein Buch lesen, bieten Online-Versandhäuser wie Amazon oder buecher.de wertvolle Hilfe. Bei Out-of-Print-Editionen helfen oft Bookfinder.com oder das ZVAB.de weiter. Darüber hinaus bieten meist auch Internet-Auktionshäuser wie etwa Ebay interessante Schnäppchen. Nicht zu vergessen seien natürlich noch die diversen Kampfkunstforen und Newsgroups, in denen mitunter weltbewegende Fragen wie etwa „Schwarzgurt – Satin oder Naturseide?“, „Verband X vs. Verband Y – Welcher ist besser?“ oder „Wie lange bis zum ersten Dan?“ erörtert werden. Auch die obligatorischen Stil-Diskussionen und Lästereien fehlen in der Regel nicht. Dennoch, oder vielleicht genau deswegen, möchte ich an dieser Stelle auf ein ganz grundlegendes Problem aufmerksam machen: Nämlich das Verhältnis von Wissen und Können. Der griechische Philosoph Platon (um 428 bis ca. 347 v. Chr.) definierte ‚Wissen' als die Summe der als wahr gerechtfertigten Meinungen. Auf die Kampfkünste übertragen wäre ‚Wissen' demnach z.B. die Erkenntnis, wie eine Technik auszuführen ist, welche Fehler zu vermeiden sind und wie die Technik optimiert werden kann. Der Begriff ‚Wissen' bezieht sich hierbei stets auf eine rein theoretische Begabung. Unter ‚Können' versteht man hingegen die Befähigung eine bestimmte Tätigkeit auszuführen. In dem hier geschilderten Zusammenhang ist ‚Können' dann die Fähigkeit, das zuvor erlangte Wissen in einer praktischen Handlung umzusetzen. Dies bedeutet z. B. die Anweisungen und Ratschläge des Trainers zu befolgen, um so durch beständiges Training die Fehler in der Technikausführung zu korrigieren. Die Erlangung von Wissen ist somit mittlerweile bedeutend einfacher, als jemals zuvor; Und dies ist überaus wichtig für die gesamte Verbreitung und Weiterentwicklung der Kampfkünste. Wissen ist immer die Vorstufe des Könnens und somit im Lernprozess unerlässlich. So muss man eine Technik zuerst einmal kennen, um sie erlernen und meistern zu können. Denn „jene, die von der Übung ohne Wissenschaft fasziniert sind, verhalten sich so, wie ein Kapitän, der ohne ein Ruder oder einen Kompass ein Schiff besteigt und niemals eine Sicherheit hat, wohin er fährt“
[2]
. Allerdings sind die Kampfsysteme seit jeher praktisch ausgerichtete Künste und Methoden und keine theoretisch-orientierte Lehre. Die Bedeutung und Stellung eines Schülers, Lehrers und Meister zeigt sich seit Generationen überwiegend an seinem Können, und nur in begrenzter Weise an seinem Wissen. Somit stellt Wissen in den Kampfkünsten nie einen Selbstzweck dar. Die Akkumulation von theoretischem Wissen allein ist schlichtweg sinnlos. So nützt es nichts, die perfekte Ausführungsweise einer Technik oder Form theoretisch zu kennen, wenn sie anschließend nicht auch entsprechend trainiert und perfektioniert wird. Ein Mehr an Wissen muss also immer zu einem Mehr an Können führen. Funakoshi Gichin (1868-1957), ein Pionier des japanischen Karates, sah dies wohl ähnlich, als er schrieb: „Sobald eine Form gelernt wurde, muss sie kontinuierlich geübt werden, bis sie in einem Notfall angewendet werden kann. Lediglich die Abfolge einer Form zu kennen ist im Karate nutzlos“ [3] . Die Antwort auf diesen Punkt lässt sich am besten mit einem historischen Zitat geben: „On Kô Shi Shin – Das Alte erforschen heißt das Neue verstehen“ schrieb Funakoshi Gichin direkt am Anfang seiner Autobiographie [4] . Besonders bei einer Traditionsverbundenen Kunst wie dem Karate ist es von entscheidender Bedeutung, die Entstehung und Sinnigkeit bestimmter Trainingsformen und Riten zu kennen. Der historische Entwicklungsprozess der Kunst hilft häufig bei der Beobachtung und Beurteilung des zeitgenössischen Dôjô-Alltags. Vergangene Entwicklungen, wie etwa die Einführung des sportlichen Wettkampfs oder die weltweite Verbreitung des Karate durch die JKA helfen bedeutend bei der Frage, warum wir Karate heute auf eben die Art üben, wie wir es tun. Doch in letzter Konsequenz verhält es sich mit diesen Informationen genauso, wie mit allen anderen Theorien im Karate: Zu wissen, wie die alten Meister trainiert haben, und dieses Wissen dann nicht in den alltäglichen Trainingprozess einfließen zu lassen, ist ungefähr so sinnvoll, wie bei strömendem Regen mit dem geschlossenen Schirm in der Hand zu laufen. Beim Lehrer gestaltet sich das Verhältnis von Wissen und Können hingegen etwas anders: Der Lehrer muss die Technik nicht nur selbst umsetzten können, sondern auch wissen, mit welchen Mitteln der Schüler Fehler ausmerzen und Bewegungsabläufe optimieren kann. Dies erfordert ein umfassendes Wissen um Methoden der Trainingsführung, Trainingsformen, Anatomie, Technikvariationen etc. Die Fähigkeit des Trainers seinem Schüler die Technik möglichst gut demonstrieren zu können ist überaus wichtig, reicht aber alleine meist nicht aus. Diese Lücke zwischen Wissen und Können ist genau der Grund, warum auch aus mittelmäßigen Technikern mitunter hervorragende Trainer erwachsen und Spitzenathleten stellenweise als Trainer gnadenlos versagen. Jedoch darf man nicht vergessen, dass auch ein erfahrener Lehrer stets selbst ein Schüler bleibt. Folglich kann auch noch so viel Lehrtätigkeit und Trainingsleitung niemals das eigene Training ersetzen. Genau an dieser Stelle schließt sich der Kreis. Endnoten: [1] Der ‚Karate Kenkyûkai' (Gesellschaft zur Erforschung der Chinesischen Hand) wurde 1918 gegründet und 1925 durch den ‚Karate Kenkyû Kurabu' (Forschungsclub der Chinesischen Hand) ersetzt. Vgl. Bittmann, Heiko (2000): Karatedô - Der Weg der Leeren Hand, Ludwigsburg 2000, S. 111ff. [2] Leonardo Da Vinci (1452-1519), italienischer Maler, Baumeister, Naturforscher und Erfinder.
[3]
Funakoshi, Gichin (1973): Karate-Dô Kyôhan – The Master Text, Tôkyô 1973, S. 39.
© Matthias Golinski, 2005 Erstveröffentlichung: 15. Mai 2005 Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
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