Frage nach dem 'Warum’ – verfasst von Matthias Golinski –
Japanische Instruktoren haben diese strikte Art („Frag’ nicht, übe härter“) der Unterrichtsführung seinerzeit in nahezu perfekter Form zusammen mit dem Karate in Deutschland eingeführt. In der disziplinierten Mentalität Japans, in der sich das Individuum grundsätzlich der Gruppe unterordnet, wird ein derartiges Nachfragen und hervortreten aus der Gruppe als höchst unhöflich empfunden. Der Ausdruck „deru kugi wa utareru – Ein hervorstehender Nagel wird eingeschlagen“ sprich hier wohl für sich. Demnach verstummen derartige Fragen in der Regel bis zum Orangegurt auch fast vollständig. Der fortgeschrittene Schüler fragt nicht mehr nach dem 'warum’, sondern nach dem 'wie’. „Wie geht diese Kata-Bewegung?“, „Wie habe ich bei diesem Schlag die optimale Kraftübertragung?“ oder „Wie muss der Fuß bei diesem Tritt stehen?“ etc. Man hat die grundlegenden Dinge schon verstanden und kann sich nun der Vertiefung und dem Feinschliff widmen. Vielleicht hat man auch „Frag’ nicht, übe härter“ schon zu oft gehört, oder man möchte den Trainer nicht in Verlegenheit bringen. Dabei ist die Frage nach dem 'warum’ meines Erachtens nach auch für den fortgeschrittenen Schüler überaus wichtig. Jedoch sollte diese hier eher seltener an den Lehrer und umso häufiger an sich selbst gestellt werden. „Warum mache ich die Bewegung auf diese Weise?“ oder vielleicht sogar „Warum mache ich diese Bewegung überhaupt?“. Höchst wahrscheinlich, weil Sie, wie die meisten Karateschüler, ein enormes Vertrauen zu ihrem Lehrer haben und sich gewiss sind, dass er Sie auf den richtigen Weg führen wird. Richtig so, aber wären Sie zu dieser Einsicht gekommen, ohne nach dem 'warum’ zu fragen? Vielleicht?! Gehen wir über zu den elementareren Fragen: „Warum machen wir Kata oder Kihon?“. Mit einem schlichten „weil es halt dazugehört“ würde ich mich nicht zufrieden geben. Überlegen Sie einmal selbst, welche Zwecke Sie mit Ihrem Kihon-Training verfolgen oder warum Sie Kata üben. Wenn man einmal ehrlich ist, sind es nämlich oft nicht die „Freude an der Bewegung“ oder ähnliches, sondern ganz simple Gründe wie „Weil ich’s für die nächste Prüfung brauch’“. Wenn Sie sich genau jetzt fragen, wozu diese Fragen den dienen sollen, und warum „Weil Karate mir Spaß macht“ als Erklärung für alles nicht ausreichen soll, kann ich Sie gut verstehen. Pauschalaussagen sind stets einfach zu äußern. Nachdenken hingegen erfordert einen gewissen Aufwand und birgt nicht selten die Gefahr, zu unliebsamen Einsichten zu gelangen. Aber eine Konsumhaltung ohne weitergehende Gedanken über die Materie ist auf Dauer wenig befriedigend für Sie und überaus schlecht für das Karate. Derjenige ohne Meinung ist häufig anfällig für Blender und Manipulatore. Nur wer weiß, was er will, weiß auch, was er nicht will. Überaus interessant finde ich es auch einmal über
Grundsätzliches nachzudenken. Wenn die Menschen zum ersten Mal in
die Karateschule kommen, haben sie meistens eine ganz genaue
Vorstellung, was sie vom Karate erwarten, bzw. lernen möchten.
© Matthias Golinski, 2003-2004 Erstveröffentlichung: 11. August 2003 Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
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