Gefährliches Halbwissen: – verfasst von Matthias Golinski –
Das Wissen um die heilende Wirkung der vitalen Punkte ist in China bereits
seit Urzeiten vorhanden. So wurden Akupunkturnadeln gefunden, deren Alter
sich auf über 4000 Jahre datieren lässt. Aufgrund der Einfachheit
der Methode ist davon auszugehen, dass die passende Massageform Akupressur
noch älter ist. Die Chinesen entwickelten bzw. erkannten ein den
ganzen Körper überziehendes Netz von 361 Hauptakupunkturpunkten
und 1011 Gesamtstellen. Diese liegen auf den sogenannten Meridianen (chin.
King Lo). Bahnen, welche die inneren Organe verbinden und auf
denen die innere Energie (chin.: Chi oder Qi, jap.:
Ki) im Körper zirkuliert. Im Jahre 1026 beauftragte der
chinesische Herrscher Ren Zong den Mediziner Wang Wei,
zwei dreidimensionale Figuren anzufertigen, die die Position von jedem
Punkt genau abbildet. Diese „Bronzestatuen“
waren ein bedeutender Schritt in der chinesischen Medizin und stellten
von da an den Standart für alle Akupunktur-Studenten und -Gelehrten
dar. Die ersten Forschungen im Bereich der negativen Stimulation werden
dem Kampfkünstler und Akupunkteur Zhang Sanfeng (*1270)
zugeschrieben [E01]. Er soll auch die
Wechselwirkung von Schlagkombinationen auf verschiedene Punkte erkannt
haben. Im folgenden entwickelte er wohl speziell für die negative
Stimulation seine eigene Bronzestatue. Die Legende besagt, dass Zhang
Sanfeng sein Wissen um die Vitalpunkte in sein Shaolin Quanfa
einbezog und einen Stil schuf, der später als Taijiquan
(oder Tai Chi Chuan) bekannt wurde [E02]. Demnach hilft ein fundiertes Wissen um die Vitalpunktstimulation heute
oft auch wesentlich bei der Analyse der traditionellen Formen. Bisher
unbekannte Schlagkombinationen oder Schlag-/Trittabfolgen machen durch
die Möglichkeit der Folgestimulation plötzlich Sinn. Einen guten von einem schlechten Lehrer zu unterscheiden ist oft überaus schwierig. Besonders, wenn man selbst nicht wirklich mit der Thematik vertraut ist. Grundsätzlich sind allgemeine Aussagen wie „Es gibt hier so einen Punkt, der tut unglaublich weh, wenn man draufdrückt“ oder ähnlich mit ausgesprochener Vorsicht zu genießen. Wenn schon bei der Erklärung selbst keine Nennung der Punkte erfolgt, dann sollte der Lehrer spätestens auf Nachfrage in der Lage sein, sowohl Bezeichnung, Verlauf des Meridians und Wirkung zu erklären. Auch ist die Vitalpunkt-Lehre zweifellos nicht die große Wunderwaffe
oder die Silberkugel gegen jeden Gegner. Zwar sind einige Demonstrationen
durchaus bemerkenswert, aber es ist zu bedenken, dass die Pioniere der
Szene, wie etwa George Dillman, Vince Morris, Evan Pantazi oder Erle Montague
dieser Beschäftigung hauptberuflich nachgehen und demnach den ganzen
Tag kaum etwas anderes tun. Es ist ausgesprochen fraglich, ob der durchschnittliche
Schüler mit zwei oder drei Trainingseinheiten pro Woche hier jemals
ein wirklich verteidigungsfähiges Level erreicht.
© Matthias Golinski, 2004 Erstveröffentlichung: 15. April 2004 Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
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