Zur Nomenklatur der Karate-Techniken – verfasst von Matthias Golinski –
Zenkutsu-Dachi, Age-Uke, Yoko Geri … Japanische Technikbezeichnungen sind wohl seit der Einführung des Karate in Deutschland (Ende der Fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts) eine unliebsame Begleiterscheinung für die meisten Karateanfänger. Neben den ungewöhnlichen Techniken, fremden Riten und aparten Uniformen, tragen die japanischen Kommandos des Lehrers meist noch einmal in besonderer Weise zur mystischen Gesamterscheinung des Unterrichts bei. Mit zunehmender Trainingserfahrung gewöhnen sich die meisten Übenden an die einzelnen Ausdrücke, nehmen immer mehr Elemente an und gebrauchen sie nach einer gewissen Zeit auch selbst aktiv. Was manchem Übenden allerdings häufig nicht so präsent ist, ist die Tatsache, dass es sich bei den japanischen Ausdrücken meist um mehr oder minder simple Bewegungsbezeichnungen handelt. So bedeuten die beiden Schriftzeichen (Kanji) des Wortes „Mae Geri“ schlicht nichts anderes als „vorne“ und „treten“. Die japanische Bezeichnung ist, wie bereits erwähnt, lediglich der ostasiatischen Herkunft der Kampfkunst zu verdanken. Für sich genommen würden „Front kick“, „Coup de pied avant“, „Patada frontal“ oder in unserem Kulturkreis schlicht „Vorwärtstritt“ zumindest dieselbe, wenn nicht gar eine bessere Funktion erfüllen. In Anbetracht dessen ist es offensichtlich, dass der durchschnittliche englische, französische, spanische oder deutsche Karateanfänger mit einem Problem konfrontiert ist, welches einem japanischen Muttersprachler bei Trainingsbeginn keineswegs gegenübersteht: Eine erhebliche Sprachbarriere. Allerdings hat die (zumindest fachspezifische) Kenntnis der japanischen Sprache noch ein paar weitere, nicht zu verachtende, Vorteile: Grundsätzlich sind die japanischen Termini ein wesentliches Element der Identität des Karates und seiner Qualität als Kampfkunst. Auch wenn der Umgang mit ihnen mitunter ausgesprochen lästig und kompliziert sein mag, so bilden sie doch zusammen mit den Etiketten und Ritualen einen wesentlichen Stützpfeiler für eine (mögliche) geistige Entwicklung des Schülers. Darüber hinaus stellen der sichere Umgang mit ihnen und ein umfassendes Wissen um ihre exakte Bedeutung für den fortgeschrittenen Schüler eine wesentliche Hilfe beim tieferen Verständnis des Karate dar. So bedeutet z.B. „Bunkai“ [ Wie viel Japanisch im Karateunterricht nun sinnvoll und angebracht ist, hängt von mehreren Kriterien ab. Grundsätzlich sollte ein Lehrer zumindest den überwiegenden Anteil der von ihm unterrichteten Techniken auch namentlich kennen. Wie umfassend er sein Wissen dann schließlich in den Trainingsprozess einbringt, ist hingegen stark von der Gruppenstruktur sowie dem Fortschritt, dem Alter, der Motivation und, ja auch, dem Intellekt der Übenden abhängig. Sobald man sich als Lehrer für die Verwendung bestimmter Begriffe entschieden hat, ist die Verwendungs-Stetigkeit ein wesentliches Erfolgskriterium. Nur durch den fortwährenden Gebrauch der Worte, können sie sich auch im Gehirn des Schülers verfestigen. Der Weg eines Wortes in den aktiven Wortschatz (selbstständige Verwendung eines Wortes bei der Kommunikation mit dem Partner) führt meistens über den passiven Wortschatz (Verständnis eines Wortes bei Gebrauch durch den Kommunikationspartner). Falls der Lehrer das japanische Wort nicht verwenden will (oder kann), sollte er ein treffendes deutsches Substitut verwenden. So ist etwa „Vierfingerstoß“ durchaus äquivalent zu „Shihon Nukite“. Eher unvorbereitet und inkompetent wirken hingegen ‚Allzweck-Worthülsen' wie „Dings“ oder ähnliches. Besonders, wenn sie häufiger gebraucht werden.
In vielen klassischen chinesischen Kampfsystemen ist diese Praxis auch heute noch verbreitet und erfreut sich mitunter großer Beliebtheit. Wie eng diese Art der Bezeichnung mit den Techniken des Karate verbunden ist, wird bei einem Blick in die „Bibel des Karate“, dem Bubishi, deutlich. In diesem alten, ursprünglich chinesischen Dokument werden alle Kampftechniken ausschließlich auf diese Art und Weise beschrieben. Dass auch diese Praxis der Nomenklatur einen gewissen Reiz hat und besonders für fortgeschrittene Schüler wertvolle Informationen liefern kann, sei anhand der nachfolgenden Beispiele verdeutlicht. Alle diese ‚chinesischen' Techniken dürften sich ohne größere Probleme auch in vielen ‚japanischen' Kata des Karate wieder finden lassen. Viel Spaß beim Suchen!
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