Songô – Ein Titel für jedermann – verfasst von Matthias Golinski –
Ähnlich wie unsere österreichischen Nachbarn haben auch die Japaner seit jeher ein Faible für diverse Ehrentitel. Diese wurden auf dem Inselstaat über Generationen im Zusammenhang mit dem Namen verwendet, um vorwiegend die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse auszudrücken. Obwohl dieses Klassendenken auch in der japanischen Kultur bereits seit über 100 Jahren konstant zurückgeht, finden sich noch immer zahlreiche Ehrentitel im Sprachgebrauch. Besonders in den klassischen Künsten werden diese Titel noch heute gebraucht, um besondere Verdienste herauszustellen oder Rangunterschiede auszudrücken. Auch in den Kampfkünsten finden diese Bezeichnungen seit jeher rege Verwendung. Für diejenigen, denen die japanische Sprache fremd ist, sind sie allerdings häufig unverständlich und mitunter noch nicht einmal vom eigentlichen Namen der Person zu unterscheiden. Immer wieder kommt somit auch zu groben Missgeschicken (Bsp.: 'Lehrgang mit ôyama Hidetaka Hanshi' => „Du, Meister Hanshi kommt nach XY!“). Um den Bereich zumindest ansatzweise zu erhellen, ist nachfolgend eine (keineswegs abschließende) Auflistung der gebräuchlichsten japanischen Ehrentitel und sonstiger, in den Kampfkünsten verwendeten Bezeichnungen, samt kurzer Erläuterung angefügt. Soweit nicht anders angegeben, können die Ehrentitel frei verwendet werden. Gelegentlich haben die zahlreichen Organisationen aber eigene Anforderungskataloge und Verleihungsprozeduren. Wie in den meisten anderen Kulturen sollte von der Selbstverleihung Abstand genommen werden. Auch wenn die Versuchung für den ein oder anderen durchaus groß sein mag, ist besonders die ungerechtfertigte Verwendung ein sicherer Indikator für schlechten Stil. Urjapanische Ninjutsu- oder Jûjutsu-Traditionen haben nun einmal nur ein Klanoberhaupt und die Wahrscheinlichkeit, dass dieses gerade in Hoyerswerda oder Frankfurt-Eckenheim (willkürlich ausgewählt!) lebt, aber der Stil (natürlich) sonst außerhalb Japans nicht unterricht wird, ist doch eher gering. Bescheidenheit ist nun einmal eine Tugend. Ich wünsche Ihnen viel Spaß mit der folgenden Aufstellung. Falls Sie einen Titel nicht auffinden können, freue ich mich über eine kurze Benachrichtigung.
Ein „Mann des Krieges“. Traditioneller, und heute nur noch gelegentlich verwendeter Begriff, um einen Ausübenden der traditionellen japanischen Kampfkünste (Bugei) zu beschreiben. Entspricht in der heutigen Bedeutung ungefähr dem Bushi-Titel.
Der „Krieger“. Klassische Bezeichnung für ein Mitglied des japanischen Kriegerstands. Da dieser jedoch seit 1871 nicht mehr offiziell besteht, wird der Begriff heute gelegentlich für Menschen verwendet, die durch besonders ehrenhaftes Verhalten oder eine große Hingabe zum Studium der Kampfkünste, dem traditionellen Bild des japanischen Kriegers zumindest ansatzweise entsprechen.
Der einfache „Schüler“. Jemand, der regelmäßig unter einem Lehrer (Sensei) übt.
Ein „Kamerad“ oder „Kollege“. Jemand, der auf derselben Graduierungsstufe steht, wie man selbst.
Ein “Meister des Weges”. Jemand, der die Kampfkünste nicht nur in technischer Hinsicht gemeistert, sondern auch eine charakterliche Entwicklung im Sinne des Weges (Dô) durchlaufen hat.
Ein „Student“ oder „Studierender“. Vergleichbar mit dem Deshi.
Der Vorstand eines traditionellen japanischen Familienklans. In den Kampfkünsten gelegentlich für den Begründer oder Vorstand einer familiären Kampftradition oder klassischen Kriegerfamilie gebraucht. In der Bedeutung in etwa mit dem Sôke-Titel vergleichbar.
Der “Präsident einer Organisation”. In der Regel für den Präsidenten oder Vorsitzenden eines Verbands verwendet.
Der „Begründer einer Stilrichtung“ oder eines Kampfsystems. Im klassischen Sinne hat er die Stufen des „Shu-Ha-Ri“ durchlaufen und entsprechend zuvor einen traditionellen Stil gemeistert. In neueren Zeiten, wo nahezu täglich neue Stile begründet werden, ist dies allerdings häufig nicht mehr der Fall. (Was der selbstverständlichen Verwendung des Titels aber natürlich meist keinen Abbruch tut).
“Der Leiter einer Schule”. Jemand, der sich organisatorisch um die Belange der Schule kümmert und politische Entscheidungen trifft. Nicht zu verwechseln mit dem Chef-Trainer, sondern eher etwas wie der Vereinsvorsitzende.
Der „Jüngere“ oder „Junior“. Dôjôinterne Bezeichnung für jemanden, dessen Graduierung unter der eigenen liegt. Der Begriff ist aber keineswegs auf den Mudansha-Bereich beschränkt, sondern kann ebenso unter Dan-Trägern verwendet werden.
Der „Enkelschüler“. Jemand, der bei einem Schüler eines bekannten Lehrers gelernt hat.
Ein “weiser Mann”. Traditionelle Ehrenbezeichnung für ältere Kampfkünstler, die sich in herausragender Weise für die Kampfkünste verdient gemacht haben. Wird gemeinhin ab ca. dem 70. Lebensjahr verwendet und ist grundsätzlich an keine Graduierung gebunden. Allerdings wird der Titel in der Regel nur für die höchsten (9. und 10.) Dan-Träger gebraucht.
„Der große Lehrer“. Klassischer Ehrentitel für bedeutende Meister der Kampfkunst. Meist vorwiegend von ehemaligen Schülern für Stilbegründer wie Ueshiba Morihei (1883-1969) oder Funakoshi Gichin (1868-1957) verwendet.
Titel eines Staatsbeamten im Königreich der Ryûkyû-Inseln (ca. 1477-1879). Er gehörte zur Klasse der ‚Privilegierten' (Shizoku). Da Okinawa, die Hauptinsel der Ryûkyû-Inseln, als der Geburtsort des Karate und Ryûkyû Kobudô gilt, findet sich der Titel besonders in historischen Quellen häufig wieder.
Der „oberste Lehrmeister“ oder „Bewahrer des Stils“. Jemand, der dem Stil vorsteht und sich für dessen Erhaltung und Verbreitung einsetzt.
Der offizielle Repräsentant einer Stilrichtung oder einer Organisation in einem anderen Land. Vergleichbar mit einem Filialleiter.
Unterrichtender Lehrer. Meist für junge Trainer ab dem 3. Dan gebraucht.
Jemand, der durch sein Beispiel führt und lehrt. Ein klassischer Großmeistertitel, welcher abhängig von der Schule schon ab dem 5. Dan gebraucht werden kann.
Der „stellvertretende Großmeister“. Jemand, der den Großmeister in seiner Abwesenheit vertritt und den Unterricht in seinem Sinne leitet. Die Verwendung dieses Titels setzt allerdings voraus, dass in der Schule auch wirklich ein Shihan vorhanden ist.
“Der Ältere” oder „Senior“. Bezeichnung für einen fortgeschrittenen Schüler, der den Jüngeren (Kôhai) Tipps und Hilfestellungen gibt und den Lehrer unterstützen. Der Begriff wird innerhalb des Dôjô für jeden Übenden gebraucht, dessen Graduierung höher als die eigene ist.
“Jemand, der zuvor kam”. Die klassische Lehrer-Bezeichnung in den jap. Kampfkünsten. Im jap. Sprachgebrauch aber auch für Ärzte, Rechtanwälte, Künstler oder Professoren gebraucht. Obwohl es häufig diskutiert wird, ist der Titel dem Ursprung nach nicht an einen bestimmten Meistergrad gebunden. Die Aufteilung im Dôjô ist in diesem Punkt relativ eindeutig. Der jeweilige Leiter der Gruppe ist „Sensei“ und die Übenden sind „Deshi“ (evtl. mit bestimmten Zusatzaufgaben). Der Begriff Sensei bezieht sich stets auf das Verhältnis zwischen Übendem und Lehrendem.
Der "Meister des Hauses". Klassischer Ehrentitel für den Begründer oder den Vorstand eines Stils (Ryûha). Wird häufig bei traditionellen japanischen Jûjutsu und Ninjutsu-Ryûha, mit langer überlieferter Generationenfolge verwendet.
Der Hauptlehrer einer Schule oder ein meisterhafter Lehrer. Eine klassische, aber außerhalb Japans eher ungebräuchliche Ehrenbezeichnung.
Der „äußere Schüler“. Jemand, der, im Gegensatz zum Uchi-Deshi, nach Ansicht des Lehrers (noch) nicht geeignet ist, die vermeintlichen Geheimnisse des Stils zu erlernen und nur die äußere Form der Techniken gezeigt bekommt.
Eine andere Bezeichnung für den „Großmeister“. In der Verwendung und Bedeutung ungefähr äquivalent zum Shihan-Titel.
Der „innere Schüler“. Jemand, der losgelöst von der regulären Gruppe bei einem Lehrer übt. Häufig ist damit Sondertraining oder Privatunterricht gemeint, in welchem dem Schüler die Geheimnisse des jeweiligen Stils offenbart werden. Fairerweise muss allerdings angemerkt werden, dass diese Geheimnisse häufig nicht so bedeutend sind, wie sie anschließend von manchen Uchi-Deshi dargestellt werden. Die Titel des Dai-Nippon Butokukai
Eine Art “Gelehrter”. Jemand, der die Fähigkeit besitzt, die Kampfkünste zu lehren. Er hat seine Hingabe zu den Kampfkünsten durch langjähriges Üben und Lehren unter Beweis gestellt. Gemeinhin ab dem 4. Dan verliehen.
Ein „meisterhafter Lehrer“. Jemand, der sowohl in technischer, als auch in theoretischer Hinsicht über ein außerordentliches Wissen über die Kampfkünste verfügt und dieses gewissenhaft an die kommenden Generationen weitergibt. Frühestens ab dem 6. Dan verliehen.
Ein „modellhafter Lehrer“. Jemand, der herausragende Leistungen in den Kampfkünsten erbracht hat und sein gesamtes Leben ihrem Studium und ihrer Weitergabe gewidmet hat. Er soll nicht nur technisch, sondern auch charakterlich und moralisch als positives Beispiel für seine Schüler gelten. In der Regel ab dem 8. Dan und nicht vor Vollendung des 50. Lebensjahres verliehen. Gruppenklassifikationen:
Sammelbegriff für alle Farbgurte. Wörtlich “Person ohne Rang”.
Gruppe sämtlicher Dan-Träger. Alle Personen, die im Besitz eines Meister-Grades sind, gehören somit zu den Yûdansha eines bestimmten Ryûha.
“Hochrangige Person”, Unter-Klassifikation der Yûdansha, um die Kampfkünstler ab dem 8. Dan besonders hervorzuheben.
© Matthias Golinski, 2006 Erstveröffentlichung: 15. Mai 2006 Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
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