Angst – Ein entscheidender Faktor – verfasst von Matthias Golinski –
Wahrlich lang ist die Liste all jener begnadeten Dôjôkämpfer,
die in der vertrauten Atmosphäre der heimischen Trainingshalle jeden
Übungskampf spielerisch routiniert gewannen und sich dann von einem,
meist nicht einmal, mittelmäßigen Straßenschläger
haben krankenhausreif schlagen lassen. Dem nicht sachenkundigen Laien
mag dies genauso ungebreiflich erscheinen, wie dem jungen Kampfsport-Novitzen.
Und unter fortgeschrittenen Kampfkünstlern wird über derartige
'Zwischenfälle’ meist sehr ungern, und wenn dann nur unter
vorgehaltener Hand, im stillen Kämmerlein gesprochen. So scheinbar absurd dies auf den ersten Blick erscheinen
mag, desto verständlicher wird es auf den Zweiten: Angst entsteht
meistens durch Unsicherheit. In der gewohnten Umgebung sind wir alle routiniert
und selbstsicher. Doch leicht spüren wir diese Unsicherheit schon,
wenn wir aus der gewohnten Bahn ausbrechen, und etwas anders als sonst
machen. Bei einem anderen, ungewohnten Weg zur Arbeit, oder beim ersten
Besuch des VHS-Kurses macht sich dies schon leicht bemerkbar. Bereits
etwas intensiver merkt man dies beim Bewerbungsgespräch um den neuen
Job oder beim Wohnortwechsel. Wenn Sie jetzt einwenden, dass Ansehen und Ruf im Vergleich zu Leben und Gesundheit doch wohl eher unbedeutend sind, haben Sie objektiv gesehen wahrscheinlich Recht. Aber stellen Sie sich einmal die Situation vor: Unser fiktiver Beispielcharakter Mark war vielleicht nicht allein, sondern hatte zwei oder drei seiner Freunde und seine neue Freundin dabei. Sie alle wissen, dass er bereits seit Jahren Kampfsport übte, und auch auf Turnieren schon Erfolge feiern konnte. Und hier tritt nun ein Phänomen auf, das ich einmal als 'Bruce-Lee-Effekt’ bezeichnen möchte: Die meisten Menschen erwarten, dass ein Kampfsportler nicht nur siegreich ist, sondern dabei auch noch gut aussieht. Viele Menschen haben noch immer ein falsches Bild vom Training in den Kampfsportvereinen, das stark von den Erzeugnissen der Filmindustrie verklärt ist. Die Frage ob er gewinnt wird von Kampfsport-Unkundigen meist gar nicht gestellt. „Der muss den doch wegputzen, hat er schließlich jahrelang geübt.“ Für den Kampfsportler ist aber eben diese Situation
meist nicht altbekannt, oder schon „jahrelang geübt“.
Zumeist erlebt er sie genau dann zum aller ersten Mal und ist nicht selten
ziemlich überfordert. Der Kampf beginnt nicht, wie sonst üblich,
mit einer Verbeugung und 'Hajime’, sondern ganz anders,
nämlich eigentlich gar nicht richtig. Es beginnt mit einer provozierenden
Frage und wird gefolgt von einer Tirade wüster Beschimpfungen. Meistens
kommt der erste Schlag für den Ungeübten ohne jegliche Vorwarnung.
Das Gefühl der Angst gehört zu den Emotionen,
die der Mensch relativ schlecht kontrollieren kann. Aus diesem Grund wird
die Angst (und die damit verbundene Nervosität) von den meisten Menschen
als etwas Negatives eingestuft. Meiner Meinung nach sollten wir lieber
versuchen, die Vorteile der Angst zu erkennen und sinnvoll zu nutzen,
als krampfhaft gegen die Angst anzukämpfen. Der einzige Weg aus diesem Dilemma ist es, die Unsicherheit
systematisch abzubauen und genau diese Situation im Training zu üben.
Wir beschäftigen uns heute viel zu oft mit tollen Selbstverteidigungskombinationen
und Schrittfolgen. Wir glauben noch zu häufig an den Sieg der reinen
Technik und vergessen die wahrscheinlich wichtigste Waffe des Menschen
dabei oft vollständig: Das eigene Gehirn. Zweifellos ist es unmöglich, die Realität zu trainieren. Aber eine Annäherung, quasi eine Simulation realistischer Gegebenheiten, ist recht problemlos möglich. Ziel muss es sein, im Training stets neue Situationen zu erzeugen und den Übenden so ständig unter Stress zu setzen. Wenn die Selbstverteidigung in diesen Situationen das Ziel ist, muss eben genau dieser Bereich im Training geübt werden. Der Schüler muss den Umgang mit Pöbeleien und Schubsereien genauso üben, wie die Abwehr gegen Oi-Tsuki und Mawashi-Geri. Angst ist ein bedeutender Faktor und für den Ausgang der Konfrontation meist weit wichtiger, als technische Perfektion. Wir sollten uns daher nicht hinter sinnlosem Machogehabe verstecken, sondern diesen Umstand endlich erkennen und in den täglichen Trainingsprozess mit einfließen lassen. Denn nur der häufige Umgang kann den 'Freeze’-Effekt verhindern.
Literaturempfehlung:
© Matthias Golinski, 2003-2004 Erstveröffentlichung: 10. Juli 2003 Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
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