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Drei Säulen!?
– verfasst von Matthias Golinski
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Wer kennt sie nicht, jene drei großen starken Säulen, Kihon,
Kata und Kumite, die gemeinsam das feste Fundament des
Karate bilden? Nahezu jeder halbwegs Karatekundige hat
bestimmt schon mehrfach davon gehört und auch mitbekommen, dass die
Meisterschaft nur über alle drei Säulen möglich sei. Denn
wenn ein Schiff nicht gleichmäßig beladen ist, kommt es schnell
in Schieflage und Schiffe in Schieflage kentern wesentlich schneller.
Seitdem diese Idee von irgendjemand in die Welt gesetzt
wurde, versuchen immer wieder eifrige Karateka diese etwas abzuschwächen:
„Die Kata-Säule ist eben etwas fester“, „Wenn
ich die Kumite-Säule durch mehr Training ausbaue, kann sie
problemlos die Kata-Säule ersetzten“ etc. Hier wird
schnell eine Wertigkeit hereingebracht, die ursprünglich wohl gar
nicht so gemeint war: „Kumite ist das Wichtigste, denn
ohne Kampf gibt es kein Karate“, „Am Wichtigsten
ist Kata, denn die Formen sind historisch überliefert“,
„Zweifellos ist Kihon am Wichtigsten, denn
ohne Techniken können wir auch nicht kämpfen, oder Kata
ausführen“. Derartige Argumentationen sind in der Regel wesentlich
von den individuellen Vorlieben geprägt. Durch emotional verklärte
Sichtweisen und karate-historisches Halbwissen entwickelt sich
das Ganze schnell zu einem unsinnigen „Henne oder Ei“-Streit.
Bei solchen Problemstellungen hilft es oft, einen Blick
auf den historischen Evolutionsprozess zu werfen. „Das Alte studieren
heißt das Neue verstehen“ sagte Funakoshi Gichin
(1868-1957) und gab damit eine der vielleicht bedeutendsten Handlungsanweisungen
für den heutigen fortgeschrittenen Budôka [E01].
Es ist schnell auffallend, dass diese Dreiteilung noch gar nicht so alt
ist, wie oft angenommen wird und dass das Karate den größten
Teil seiner Entwicklung gut ohne eben diese überstanden hat. Aber
alles der Reihe nach: Man braucht geschichtlich gar nicht zu weit zurückzugehen.
Es reicht aus, wenn man sich ansieht, wie Karate vor ca. 130-150
Jahren in seinem Ursprungsort Okinawa geübt wurde. Das Training fand
damals in kleinen Gruppen von maximal vier Personen statt. Trainiert wurde
grundsätzlich im Verborgenen und jeder Lehrer hatte nur eine begrenzte
Anzahl von erlesenen Schülern. Geübt wurden Verteidigungen gegen
herkömmliche Angriffe, wie sie täglich passieren können.
Dieses Faktum ist unstrittig, da zweifelsfrei alle Selbstverteidigungssysteme
einmal so oder ähnlich angefangen haben: Erkenntnis und Analyse der
Gefahrenlage; Entwicklung geeigneter Gegenmaßnahmen; Test und Optimierung
der Gegenmaßnahmen. Daraus kann gefolgert werden, dass seinerzeit
wohl keine Verteidigungen gegen Yoko-Tobi-, Jôdan Mawashi-
oder Ushiro-Geri geübt wurden.
Um die einzelnen Abwehrhandlungen besser behalten zu können, wurden
sie in geometrischen Formen (Kata oder Hsing oder Quan)
kombiniert. Dies ermöglichte die Verfestigung des Gelernten und das
Üben der Verteidigungen ohne Partner. Dadurch konnten dem Schüler
auch ohne Partner schnell eine Reihe von Abwehrtechniken und Kampfprinzipien
beigebracht werden.
Teilweise wurden alte Formen aus den chinesischen Künsten (Shaolin
Quanfa, besonders den He-Quan-Stilen) übernommen oder
auch neue Formen entwickelt.
Auf den ersten Blick scheint diese Schilderung doch überaus viele
Gemeinsamkeiten mit dem heutigen Training aufzuweisen. Ein gravierender
Unterschied bestand jedoch in der Tatsache, dass das Training ohne Partner
stets nur eine Notlösung und nicht, wie heute so oft den Selbstzweck
darstellte.
Im Laufe der Geschichte löste die Soloübung der Formen das Training
der Anwendungen weitgehend ab. Dies wurde wahrscheinlich durch den Einfluss
von Itosu Ankô (1832-1915) verstärkt.
Die Faktenlage ist relativ dürftig, aber es ist davon auszugehen,
dass das Kihon-Training und besonders die stark standardisierten
Kumite-Formen in der Art wie wir sie heute kennen erst unter
dem Einfluss von Funakoshis drittem Sohn Yoshitaka (?-1945)
und (später) der Nihon Karate Kenkyukai (Japan Karate
Association) entwickelt wurden.
Das die vorgenommenen Änderungen durchaus gravierend gewesen sein
müssen, verdeutlicht das folgende Zitat aus Funakoshis Biographie
(September 1956): „Das Karate, welches Hochschulstudenten
heute üben, ist nicht mehr das Karate, wie es vor nur zehn
Jahren praktiziert wurde, und schon gar nicht vergleichbar mit dem, was
ich als Kind in Okinawa lernte.“ [E02]
Vielleicht ist noch herauszustellen, dass Funakoshi hierbei noch nicht
die Veränderungen durch den sportorientierten Turnierbetrieb gemeint
haben konnte, da die ersten Gesamtjapanischen Meisterschaften erst 1957
ausgetragen wurden [E03].
Heute sind diese Elemente feste Bestandteile des alltäglichen
Karatetrainings. Wenn man in einer 90-minütigen Trainingseinheit
nun versucht, alle drei Säulen gleichmäßig abzudecken,
kommt man zu folgender Erkenntnis: Zuerst einmal muss man ca. 1/3 der
Trainingszeit für Erwärmung, Gymnastik und sonstige vorbereitende
Übungen abziehen. Von der verbleibenden Stunde können dann jeweils
20 Minuten Kihon, Kata und Kumite geübt
werden. Daraus folgt, dass von 90 Minuten Karatetraining lediglich
ein gutes Fünftel der Zeit aktiv mit dem Partner kampfrelevant trainiert
wird!
Ich habe bisher bei weitem keine Kampfkunst oder Kampfsportart erlebt,
bei der dieser Anteil so gering war. Bei kontaktorientierten Stilen wie
etwa dem Kyokushin, dem Muay Thai oder dem westlichen
Boxen wird meist sogar das Grundlagentraining konsequent mit dem Partner
an der Pratze ausgeführt. Selbst bei urjapanischen Künsten die
stark auf die charakterliche Entwicklung abzielen, wie etwa dem Aikidô
oder dem Kendô, war der Anteil weit höher.
Dieser Umstand wäre an sich sogar noch zu vertreten, wenn das Üben
des einen Elements auch einen Nutzen für die anderen Elemente hätte.
Sprich, wenn die Technikübung aus dem Kihon unmittelbar zur Verbesserung
der Kata- und Kumitefähigkeiten beitragen würde.
Mittlerweile sind jedoch bedeutende Anzeichen zu erkennen, dass sich die
„drei Säulen“ immer weiter von einander weg entwickeln.
So erinnert das harmonische „Drei-Säulen“-Schema bei
genauerer Betrachtung heute eher an den sportlichen Dreikampf –
drei Disziplinen, die nebeneinander trainiert werden und inhaltlich kaum
Verbindungspunkte haben. Hierzu vielleicht etwas Statistik gefällig?
Im Folgenden eine Übersicht auf Basis des Prüfungsprogramms
Shôtôkan des „Deutschen Karate Verbandes
(DKV)“

Bei der Prüfung zum gelben Gürtel (8. Kyû)
ist die Korrelation zwischen Kihon-, Kata- und Kumite-Techniken
noch recht hoch: Vier der neun Kihon-Techniken, und zwei der
drei Stellungen werden auch in der Kata verwendet.
Beim ersten Blaugurt (5. Kyû) sieht dies schon anders aus:
von 14 Kihon-Techniken werden nur die Hälfte in der Kata
und nur 5 im Kumite verwendet. Bei der Prüfung zum 2. Braungurt
(2. Kyû) sind es bei 17 Kihon-Techniken in Kata
und Kumite jeweils nur noch 5.
Interessant ist die Anzahl der Techniken, die in Kata, Kihon
und Kumite verwendet werden. Sie beträgt (mit einer gewissen
Toleranz) konstant 2 und nimmt somit durch die steigende Zahl der zu prüfenden
Techniken kontinuierlich ab!
Zwar wäre es dem Individuum durch die diversen Wahlmöglichkeiten
im höheren Gürtelbereich theoretisch möglich, durch geschickte
Wahl diesen Wert wieder zu erhöhen; Die Praxis zeigt aber, dass dies
in der Regel nicht passiert. Höchst selten werden die Kombinationen
der Kata zur Abwehr der Angriffe im Prüfungs-Kumite
verwendet.
Ebenso vermitteln die Kata ein hohes Maß an verschiedenen
Stellungen. Aber auch diese werden meist weder in den vorgeschriebenen
Kihon-Kombinationen noch in den frei wählbaren Kumite-Techniken
aufgegriffen. Hier geht die Stellungsvielfalt äußerst selten
über die drei Basisstellungen hinaus.
Dem Prüfungsprogramm zufolge scheint das Trainingsziel
des Kihon in der Fähigkeit zu bestehen, immer mehr Grundtechniken
in immer längeren Kombinationen ausführen zu können. Während
der angehende Gelbgurt nur Einzeltechniken vorführen muss, findet
sich bei der Prüfung zum letzten Braungurt (1. Kyû)
keine Kombination mit weniger als drei Techniken. Der Spitzenwert liegt
bei sechs (!) Techniken in einer Kombination (bei der Prüfung zum
1. Dan).
Den stark ansteigenden motorischen Anforderungen in den Kata,
wie etwa Morote Gedan Ippon Nukite (Gojûshihô-Dai),
Nakadaka Ippon Ken (Chinte) oder einer Wendung zu Kiba-Dachi
über den Rücken (Ji’in) wird im prüfungsrelevanten
Kihon kaum Rechnung getragen.
Recht erschreckend finde ich, dass die erlernten Techniken
aus Kata und Kihon kaum am Partner umgesetzt werden.
Sollte es nicht das erklärte Ziel einer Kampfkunst sein, die erlernten
Techniken irgendwann einmal in Interaktion mit dem Partner umsetzten zu
können?
Egal aus welchem Blickwinkel und mit welcher Intention
man dieses Training betrachtet fest steht, dass solche Strukturen niemandem
wirklich helfen: Der Wettkämpfer muss sich für den Erfolg dringend
spezialisieren, dem Perfektionisten reichen auch (erst einmal) weniger
Techniken aus und für die Selbstverteidigung sind viele Techniken
(besonders ohne Umsetzung am Partner) generell hinderlich.
Langfristig ist für den normalen Karateka
eine Lösung wohl nur über die Frage nach der Wertigkeit und
Bedeutung von Prüfungen möglich. Besonders im Yudansha-Bereich,
wo die Vorbereitung auf Prüfungen nicht mehr so trainingsbestimmend
ist führt die Konzentration auf wenige Techniken, Kata und
Kombinationen zu ungeahnten Fortschritten und Erkenntnissen.
Im Mudansha-Bereich dürfte sich dies hingegen etwas schwieriger
gestalten. Hier ist auch mittelfristig, zumindest was die Prüfungsordnung
des DKV betrifft wohl keine große Strukturveränderung in sich.
Interessante Ansätze und Gestaltungsmöglichkeiten in dieser
Richtung bietet jedoch das Konzept der „Freien Stilrichtung“.
Endnoten:
| [E01] |
Funakoshi, Gichin, Karate-Dô:
Mein Weg, Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg-Leimen
1993, S. 7 zurück |
| [E02] |
Funakoshi, S. 61 zurück |
| [E03] |
Vgl. Kanazawa, Hirokazu, SKI Kumite
Kyôhan, Shôtôkan Karate Federation,
Tôkyô 1987, S. 198 zurück |
Druckversion
(als PDF-Datei)
© Matthias Golinski, 2004
www.TSURU.de
Erstveröffentlichung: 15. Mai 2004
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