Legenden des Ryûkyû Kobudô: Über das Leben und Wirken des Taira Shinken verfasst von Matthias Golinski
Tairas Erben Nach Tairas Tod fand ein starker Konsolidierungskurs unter den Mitgliedern des Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai' statt. Man war bemüht, das Werk des Meisters geschlossen weiterzuführen.
[35]
Die bisherige Aufteilung des japanischen Festlands wurde allerdings aufgegeben. Während zu Tairas Lebzeiten Hayashi Teruo Generalvertreter für die Kansai-Region, Inoue Motokatsu Führer der Tokai-Region und Sakagami Ryushô Chef der Kantô-Region war,
[36]
wurde Inoue nun Generadirektor (Naichi Sô-honbu-chô) für das gesamte Festland.
[37]
Akamine Eisuke wurde als gebürtiger Okinawaner der zweite Präsident (Nidai Kaichô) des Hozon Shinkôkai'. Diese Harmonie blieb allerdings nicht lange bestehen. So verließ Inoue Motokatsu 1981 die Organisation und gründete das Ryûkyû Kobujutsu Hozon Shinkôkai. Nakamoto Masahiro gründete 1983 das Okinawa Dentô Kobudô Hozon Kai' und auch Sakagami und Hayashi widmeten sich verstärkt ihren eigenen Organisationen und Stilen [38] . Akamines und Inoues Organisationen sind dabei heute die beiden (auf Tairas-Lehre zurückgehenden) weltweit bedeutendsten Kobudô-Verbände. So unterscheidet man heute zwischen der Taira-Akamine- und der Taira-Inoue-Linie. Die Kata und Curricula der beiden Organisationen unterscheiden sich eher geringfügig und wie so oft beansprucht jede, den ursprünglichen Stil Taira Shinkens weiterzugeben.
Alle von uns die sich mit den alten Kampfkünsten Okinawas beschäftigen schulden dem verstorbenen Taira Shinken Dankbarkeit. Er hat die Grundlage geschaffen von der aus alle zukünftigen Arbeiten in diesem Bereich fortgeführt werden müssen. Sakagami Ryûsho, Begründer des Zen Nippon Karate-dô Itosu-kai
[39]
Endnoten
[1]
Adoptionen waren im Japan jener Tage keineswegs unüblich, da sie für kinderlose Ehepaare eine gute Möglichkeit darstellten, um den Familiennamen weiterzugeben. Vgl. McCarthy (1999), S. 103.
[2]
Die Frage, ob Taira bereits durch seinen Großvater ins Ryûkyû Kobudô eingeführt wurde, kann nicht abschließend geklärt werden. In der Literatur finden sich sowohl verlässliche Quellen für (vgl. Daulton), als auch gegen (Vgl. Ko Taira Shinken Senshi Nana Shûki Tsuitô. Karate-Dô, Kobudô Enbu Taikai. Taira Shinken Den, 11. Oktober 1977, erwähnt in McCarthy (1999), S. 116) diese These. In Anbetracht der vorliegenden Fakten kommt der Autor zu dem Ergebnis, dass eine Einführung durch Kanegawa durchaus im Bereich des möglichen liegt. Ein intensives Studium Tairas unter seinem Großvater ist hingegen schon in Anbetracht des jungen Alters Tairas eher als unwahrscheinlich anzusehen.
[3]
Das Meishô Juku-Dôjô wurde von Funakoshi als Meiseijiku bezeichnet. Vgl. Funakoshi (1973), S. 11. Bei dem Wort Jiku dürfte es sich wohl um einen Schreibfehler handeln. Vgl. auch Bittmann (2000), S. 99.
[4]
Mario McKenna geht von acht Jahren Training aus. Vgl. McKenna.
[5]
Pinan Shôdan-Godan (Heian), Naihanchi Shôdan-Sandan (Tekki), Passai (Bassai), Kôshôkun (Kankû) Chintô (Gankakû), Wanshu (Empi), Jitte, Jion und Seisan (Hangetsu). Die Frage ob Funaksohi Taira auch den Umgang mit dem Bô vermittelt hat, wird in der Fachwelt mitunter stark diskutiert. Es ist bekannt, dass Funakoshis Vater Gisu ein Experte im Bôjutsu war. Vgl. Funakoshi (1993), S. 66. McCarthy ist der Ansicht, dass Funakoshi die Techniken des Sai von Azato und das Bôjutsu von Oshiro Chojo (1887-1935) erlernte. Vgl. KSL #29492, Mai 2006. Funakoshi unterrichtete gelegentlich auch Kobudô-Techniken an seine Karateschüler. Allerdings hat er niemals ernsthaft versucht, Aspekte des Kobudô ins Shôtôkan zu integrieren. Entsprechend ist es durchaus möglich, dass Funakoshi Taira auch im Bôjutsu unterrichtete. Ein eindeutiger Beweis dafür steht allerdings noch aus.
[6]
Taira soll auf den Demonstrationen angeblich bis zu sechs Bretter mit Shutô-Uchi zerschlagen haben. Vgl. McKenna nach Nakasone.
[7]
Vgl. McCarthy (1999), S. 105.
[8]
Über die Kata Chinen Shikiyanaka no kun, Shushi no kun (dai/sho), Tsuken no kun, Sakugawa no kun (dai/sho), Yonegawa no kun, Shirotaru no kun, Tsuken Sunakake, Tsukenshitahaku no sai, Kojo no sai, Tawata no sai, Yakaa no sai, Hamahiga no tunfa, Yaraguwa no tunfa. Für die Techniken des Nunchaku gab es seinerzeit keine festgelegten Formen. Vgl. McCarthy (1999), 110.
[9]
Vgl. McCarthy (1999), S. 105.
[10]
Für weitere Infos über Mabuni Kenwa vgl. Golinski, Matthias (2003): Legenden des Karate: Mabuni Kenwa und sein Shitô-Ryû (http://www.tsuru.de/geschichte/mabuni/mabuni.htm).
[11]
Vgl. McCarthy (1999), S. 110.
[12]
Das Manji-Symbol wird im Sanskrit als Swastika und im chinesischen als Wantzu bezeichnet. Es ist ein uraltes Symbol und tief verwurzelt in der indischen und chinesischen Kultur. Im Gegensatz zu unserem Kulturkreis ist es dort mit überaus positiven Eigenschaften behaftet.
[13]
Matayoshi Shinkô (1888-1947), ein Schüler von Agena Shokuhô (1870-1924) und Ire Moshigwa, soll nach einem Trainingsaufenthalt in Shanghai ungefähr zeitgleich auf Okinawa eine ähnliche Waffe entwickelt haben. Insgesamt ist zu bemerken, dass sich in ganz Süd-Ost-Asien dem Manji-Sai ähnliche Waffen finden lassen. Außerdem war auch auf Okinawa seit langem das Nuntibô, ein Speer mit einer dem Manji-Sai ähnlichen Spitze, bekannt. Von daher ist es unwahrscheinlich und nicht nachweisbar, dass Taira, wie oft behauptet, als erster das Manji-Sai entwickelte.
[14]
Vgl. McCarthy (1999), S. 106.
[15]
Die Maezato no surujin'-Form ist durch den Tod von Tairas Schüler Akamine Eisuke verloren gegangen. Vgl. (http://www.ryukyu-kobudo.com/Kata/grading_system.htm)
[16]
Diese Forschungen wurden nach Tairas Tod durch seinen Schüler Akamine Eisuke fortgeführt. Vgl. McKenna.
[17]
Vgl. Sells (1993).
[18]
Vgl. McCarthy (1999), S. 105.
[19]
Vgl. Ryûkyû Kobujutsu Association
[20]
Okinawa bildete in der Endphase des Krieges die letzte Bastion der Japanischen Armee im Pazifik. Folglich wurde der Insel eine bedeutende strategische Bedeutung beigemessen. Vom 23. März 1945 an flog die US-Luftwaffe schwere Angriffe. Auf die ca. 430.000 japanischen Zivilisten wurde dabei wenig Rücksicht genommen. Die Invasion der US-Streitkräfte begann am 1. April und zog bis in den Juli heftige Gefechte nach sich. Am 21. Juni fiel die Hauptstadt Naha. Durch die Kampfhandlungen starben 130.000 Mitglieder der japanischen Armee, 12.283 US-Soldaten und unzählige Zivilisten.
[21]
Vgl. McCarthy (1999), S. 107.
[22]
Kamiya Jinsei wurde am 27. Mai 1894 in Itoman geboren. Er arbeitete als Mediziner und war Präsident der Sport-Vereinigung von Itoman. 1928 begann er sein Karate-Training unter Miyagi Chôjun (1888-1953) und erhielt im März 1961 seine Kyôshi-Lizenz von Higa Seikô. Außerdem erlernte er die Yamanne-Ryû Bôjutsu-Kata Sakugawa no kun' von Kanagusuku Sanda, sowie die Sai-Traditionen von Chatan Yara und Hama Higa. Vgl. Hokama (2005), S. 46f.
[23]
Vgl. Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai.
[24]
Vgl. McCarthy (1999), S. 108. [25] Vgl. McCarthy (1999), S. 108f.
[26]
Vgl. McKenna.
[27]
Für weitere Informationen vgl. Noble (1995).
[28]
Vgl. Taira in McCarthy (1999), S. 3f.
[29]
Vgl. McCarthy, KSL Message #1455, 8. August 1999.
[30]
So ist Taira Shinkens Vorwort etwa auf den 1. November 1964 datiert. Die erste englischsprachige Übersetzung wurde 1995 von Patrick und Yuriko McCarthy veröffentlicht.
[31]
Der zweite Band (Gen no Maki) sollte die Kata Soeishi no kun shô, Sakugawa no kun shô, Sesoko no kun und Tsukenshitahaku no sai beinhalten. Für Band drei (Ko no Maki) waren Soeishi no kun dai, Shirotaru no kun, Chinenshikiyanaka no kun und Chatanyara no sai no kun vorgesehen. Band vier (Ri no Maki) sollte Sakugawa no kun dai, Choun no kun, Tawada-ryû no sai und Techniken zum Nichôgama umfassen und für Band fünf (Tei no Maki) waren Yonegawa no hidari-bô, Yaka no sai, Kanegawa no tuifa, sowie Techniken zum Surujin und Partnerübungen geplant. Vgl. McCarthy (1999), S. 101. Einige Fehler im Originaltext wurden hier jedoch korrigiert.
[32]
Vgl. McCarthy (1999), S. 109. [33] Im Ryûkyû Kobujûtsu Hozon Shinkôkai' wird das Eku gerne unterhalb des Bô klassifiziert und daher von 8 Waffen gesprochen. Das Manji-Sai wird dabei stets unter dem Sai eingestuft.
[34]
Diese Aufzeichnungen sollen angeblich heute im Smithsonian Institute, Washington, D.C. (http://si.edu/) hinterlegt sein. Vgl. Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai: Ko Taira Shinken Senshi Nana Shûki Tsuitô, Naha 1977, S. 15. Mein Kollege Andreas Quast (http://www.quastl.de) hat allerdings erst unlängst vergeblich versucht, diesen Film im Smithsonian Institute ausfindig zu machen. [35] Wie groß die Geschlossenheit unter den bedeutenden Schüler Tairas in diesen Tagen war, lässt sich wohl besonders gut an Inoue Motokatsus dreibändigem (Jôkan, Chûkan, Gekan), ca. 1.500 Seiten umfassenden, Mammut-Werk Ryûkyû Kobudô' (veröffentlicht zwischen 1974-1975) erkennen. So beinhalten die Bücher Vorworte von Akamine Eisuke und Higa Yûchoku, sowie Abbildungen von Nakamoto Masahiro. [36] Vgl. auch Taira in McCarthy (1999), S. 4, sowie die Zusammenstellung des Verwaltungsrats des Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai' a.a.O., S. 6. [37] Vgl. Inoue (1974), S. 640.
[38]
Beide hatten bereits zu Tairas Lebzeiten eigene Organisationen gegründet. So gründete Sakagami bereits 1955 das Zen Nippon Karate-Dô Itosu-Kai'. Hayashi folgte 1961 mit dem Japan Kobudô Kenshin-Ryû Kai'. Dabei blieben sie aber zunächst Taira und dem Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai' angeschlossen. [39] Sakagami (1974), S. 5. Bibliographie Daulton, Douglas: One Man's Mark Taira Shinken's impact on the modern study of Funakoshi, Gichin (1993): Karate-dô Mein Weg, Heidelberg 1993. Hokama, Tetsuhiro (2005): 100 Masters of Okinawan Karate, Selbstverlag, Nishihara 2005. Inoue, Motokatsu (1974): Ryūkyū Kobudô Chûkan, Sekibundô Shuppan Kabushiki-gaisha, McCarthy, Patrick (1999): Ancient Okinawan Martial Arts Vol. 1, McKenna, Mario: Taira Shinken (1897-??) Noble, Graham (1995): The First Karate-Books Part One Ryûkyû Kobudô Hozon Shinkôkai Association Overview Ryûkyû Kobujutsu Association Sakagami, Ryûsho (1974): Nunchaku and Sai Ancient Okinawan Martial Arts, Sells, John (1993): The Kobudo of Shinken Taira, in: Budo Dojo Magazine, Frühjahr 1993, S.23-26.
© Matthias Golinski, 2007 www.TSURU.de Erstveröffentlichung: 15. September 2007 Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts unterliegen. Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage (weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.
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