Meister im Schatten: Okuyama Tadao – verfasst von Matthias Golinski –
In dieser Zeit wurde auch das japanische Militär auf die kampfstarken Karateka des Shôtôkan aufmerksam. Beeindruckt von den technischen Fähigkeiten Yoshitakas baten sie ihn, die Nahkampfausbildung an der 1938 gegründeten „Nakano Schule für Spionage“ (Rikugun Nakano Gakkô) zu übernehmen [11] . Yoshitaka wollte (oder konnte?) eine derartige Bitte seines Landes nicht abschlagen. In den folgenden Jahren wurde er entsprechend als Chefausbilder auf dem Papier geführt. Die tatsächliche Unterrichtsleitung wurde allerdings überwiegend von seinem fortgeschrittenen Schülern Okuyama und dessen Trainingskameraden (und späterem Schüler) Egami Shigeru (1912-1981) durchgeführt
[12]
. Der Unterricht bestand größtenteils aus einfachen Techniken, wie Gyaku-Zuki, Choku-Zuki oder Mae-Geri zum Unterleib, welche im Unterricht ohne Rücksicht mit voller Kraft ausgeführt wurden
[13]
. „Tödliche Techniken“, wie Kase später berichtete
[14]
.
27.September 1931: Die Trainingsgruppe des Waseda-Dojo hintere Reihe von links: Matsuda, Akasaki, Terao, Shokumura,
1943 wurde Okuyama stellvertretender Leiter des Waseda-Dôjô [15] . Er unterrichtete dort nahezu täglich nach eigenem Willen, da er nicht von der Universität als Trainer angestellt war [16] . Nach dem Ende des Krieges änderte sich die Shôtôkan-Szene allerdings nachhaltig: Das Honbu(Haupt)-Dôjô war zerstört, Funaksohi Yoshitaka an Tuberkulose verstorben, zahlreiche ehemalige Schüler im Krieg umgekommen und die ehemalige Shôtôkan-Gemeinde musste erst langsam wieder zusammenfinden. Hinzukommt, dass andere Karateka, wie etwa der Kriegsheimkehrer Nakayama Masatoshi (1913-1987) oder Nishiyama Hidetaka (*1928), die vor dem Krieg nicht in einem vergleichbaren Ausmaß bei Yoshitaka trainiert hatten, für ihre Idee eines sportlichen Wettkampf-Karates warben und zunehmend an Einfluss gewannen [17] . Somit entwickelten sich in den verschiedenen Universitäts-Dôjô auch schnell unterschiedliche Technikausführungen. Diese Situation verschärfte sich, als Nakayama, Nishiyama und Isao Obata (1904-1976) im Mai 1949 die „Nihon Karate Kyôkai“ (JKA, Japan Karate Association) gründeten und die Techniken zunehmend (nach ihrer Vorstellung) standardisierten [18] . Okuyama hatte, durch die Lehrjahre unter Funakoshi Yoshitaka, in vielen Bereichen ein anderes Verständnis der Techniken und stritt entsprechend häufig mit den Lehrern der JKA über die korrekte Ausführungsweise [19] . Obwohl er sich niemals der JKA anschloss, war er in den frühen Jahren gelegentlich als Prüfer für die Organisation tätig. Diese Aufgabe gab er allerdings bald auf, da sich seine Ansichten nur schwer mit denen der anderen JKA-Prüfer deckten [20] . Dennoch unterrichtete Okuyama weiter an der Waseda-Uni. Im Rahmen der Sommerschule 1948 auf der Insel Sado traf Okuyama (damals 3. Dan) den jungen Karateka Harada Mitsusuke und unterrichtete diesen die kommenden zwei Jahre lang jeden Nachmittag [21] . Im Rahmen der Sommerschule des Waseda-Dôjô in der Fischerstadt Tadeyama soll es 1950 zwischen Okuyama und Kamata (Watanabe), einem anderen Lehrer der Schule, zu einem heftigen Streit über die Ausführung des Gedan-Barai (oder Gedan-Uke) gekommen sein [22] . Okuyama plädierte für eine kurze, knapp über der Hüfte beginnende, Ausholbewegung, wohingegen Kamata, entsprechend der JKA-Lehrmeinung, eine lange, an der Schulter beginnende Grundform favorisierte [23] . In folge dessen beendete Okuyama direkt sein Trainingsengagement an der Waseda-Universität und zog sich auf den Berg Tsukuba in der Präfektur Ibaraki zurück [24] . Die folgenden zwei Jahre soll er dort allein in den Bergen mit der Suche nach der wahren Natur des Karate verbracht haben [25] . Er ernährte sich von Tieren und Pflanzen und studierte die Kräfte der Natur und Bewegungen verschiedener Tiere. Es ist gut möglich, dass Okuyama in dieser Zeit auch Kontakt zu den Yamabushi (Berg-Asketen) hatte [26] . Im April 1955, eine Woche vor Haradas Abschluss an der Waseda-Universität, kam Okuyama zurück, um seinen ehemaligen Schüler im Kumite zu prüfen. Bereits bei Okuyamas Anblick wusste Harada, dass er ihn nicht besiegen konnte. Unmittelbar nach dem Startsignal attackierte Okuyama Haradas Kopf mit der Handfläche. Obwohl er Harda nicht einmal berührte, merkte dieser sofort, dass der Kampf verloren war. „Ich hatte niemals eine Chance zu gewinnen“ sagte Harada später [27] . Später übte Okuyama eifrig das Shinwa Taidô (später Shinei Taidô), eine Variante des klassischen Aikidô, unter Inoue (Yoichiro) Noriaki (1902-1994), einem Neffen des Aikidô-Begründers Ueshiba Morihei (1883-1969). Da Okuyama Inoue angeblich bei einem Herausforderungskampf nicht besiegen konnte, soll er sein Karate aufgegeben und sich ganz dem Unterricht Inoues unterworfen haben [28] .
„Okuyama war besser, als alle von ihnen“ sagte Kase (2. Reihe von vorne, von links: Kamata, ?, Noguchi, ?, Funakoshi Gichin, Obata, ?, Nakayama, Takahashi, Nishiyama, Kase. Hinterste Reihe, 3. von rechts: Oshima) Okuyama war selbst nie ein Freund starrer Wiederholungen. Stattdessen bemühte er sich stets um Innovationen und Verbesserungen seiner Technik. Für sich genommen ist Okuyamas Technik allerdings schwer zu greifen, da er häufig intuitiv agierte und das „Fühlen“ der Techniken propagierte. Dies war, laut Harada, selbst für seine direkten Schüler oft kaum nachvollziehbar. „Er wusste etwas, aber er konnte es nicht erklären“ sagte Harada [35] . Die wenigen Aussagen von Zeitzeugen sind in diesem Punkt ausgesprochen wage. So bescheinigt ihm Kase eine „sehr spezielle Technik“ und spricht von einer besonderen Art von Kraft, welche weder auf Muskeln, noch auf Kime beruht haben soll [36] . Ähnlich äußert sich auch Harada, wenn er sagt, dass er diese Kraft niemals zuvor irgendwo gespürt hat [37] . Auf Basis der gegebenen Fakten müssen Okuyamas Techniken wohl am ehesten den frühen Shôtôkai-Techniken Egamis entsprochen haben. Kase gibt an, dass Egami durchaus manche seiner Ideen durch Impulse von Okuyama erhalten haben könnte [38] . Okuyama lebt noch immer in Kyôto und soll bis 2002 aktiv seine Kampfkunstauffassung, welche er selbst schlicht Budô nennt, unterrichtet haben.
Endnoten
[2]
Vgl. Layton (1999), S. 49.
[4]
Vgl. Cook (2001), S. 217.
[5]
Vgl. Bittmann (2000), S. 100. [6] Vgl. Funakoshi (1993), S. 121 und Bittmann (2000), S. 102.
[7]
Vgl. Funakoshi (1993), S. 123.
[8]
Vgl. Ross. [9] Vgl. Noble (Funakoshi) [10] Mit dem Ausbruch der Kriegshandlungen in der Mandschurei 1936 stieg die Anzahl der Schüler im Shôtôkan drastisch an und führte sogar zu einem Aufnahmestopp. Vgl. Funakoshi (1993), S. 127. [11] Der Unterricht war dort zuvor von Ueshiba Morihei (1883-1969), dem Begründer des Aikidô, durchgeführt worden. Dann wurden die Karate-Techniken allerdings (in Anbetracht der geringen Ausbildungsdauer von einem Jahr und des nur einmal wöchentlich stattfindenden Nahkampfunterrichts) als effektiver befunden. Vgl. Svinth und Noble (Funakoshi). [12] Vgl. Kase in Noble (2000) und Noble (Funakoshi).
[13]
Vgl. Noble (Funakoshi).
[14]
Kase in Noble (2000). Okuyama soll seinen Gyaku-Zuki dort in der (Kases Ansicht nach effektiveren) Tate- oder Ura-Form unterrichtet haben. Vgl. Noble, private Korrespondenz, März 2006. Gelegentlich hört man auch Hinweise, wonach Karateka des Shôtôkan in den Kriegsjahren Schlagtests an chinesischen Kriegsgefangenen durchgeführt haben sollen. Der Nachweis derartiger Behauptungen steht bisher allerdings noch aus.
[15]
Vgl. Layton (1997), S. 70.
[16]
Vgl. Layton (1997), S. 70 und Harada in de' Claire (http://www.Karatedoshotokai.com/interview/index.asp?pageID=2). [17] Nakayama begann sein Training im Shôtôkan-Dôjô 1932. Er reiste 1937 als Übersetzer nach China und kam erst 1946 zurück. Vgl. Nakayama in Hassel (1997), S. 33 und 49. Entsprechend hat Nakayama einen Großteil von Yoshitakas Lehre und die folgenden zahlreichen Veränderungen des Stils nicht direkt von ihm erlernt. Kase erwähnt sogar, dass Nakayama nach seiner Rückkehr zahlreiche Techniken wie Yoko- oder Mawashi-Geri unbekannt waren und er ihre Verwendung ursprünglich ablehnte. Vgl. Kase in Noble (2000). „Das ist kein Shôtôkan!“ soll Nakayama, laut Kase, beim erstmaligen Anblick der Techniken gesagt haben. Vgl. Noble, private Korrespondenz, März 2006. Nishiyama Hidetaka kam vom Kendô und Jûdô und begann erst 1943 mit dem Karate. [18] Obwohl sich die Organisation technisch auf die Lehren Funakoshis beruft [vgl. Nakayama in Hassel (1997), S. 41 und http://www.jka.or.jp/english/about/history.html], konnte sie in dieser Zeit kaum einen von dessen fortgeschrittenen Schülern, wie etwa Egami Shigeru, Hironishi Genshin (1913-1999) oder Noguchi Hiroshi für ihre Ziele gewinnen.
[19]
Cook (2001), 217.
[20]
Vgl.
[21]
Vgl. Layton (1997), S. 70. Zu Okuyamas Graduierung ist zu sagen, dass Funakoshi selbst nur Graduierungen bis Godan (5. Dan) vergab. Diese Tradition wird bis heute im Shôtôkai weitergeführt.
[22]
Vgl.
[23]
Vgl.
[24]
Vgl. Cook (2001), S. 217.
[25]
Vgl.
[26]
Harry Cook gibt den Berg Tsukuba als das Zentrum der Yamabushi an. Vgl. Cook (2001), S. 217.
[27]
Harada in
[28]
Vgl.
[29]
Vgl. Kase in Noble, private Korrespondenz, März 2006.
[30]
Sasaki entwickelte den Schwertkampfstil „Ganryū” (Fels-Schule), nachdem er entweder unter Kanemaki Jisai Michiie (1576 – 1615) oder unter Toda Gorozaemon Seigen (1519-?) gelernt hatte. Er starb am 12. April 1612 in einem Duell gegen die Schwertkampf-Legende Miyamoto Musashi (1584-1645).
[32]
Vgl. Layton (1997), S. 71. Harada begann sein Karatetraining 1943 im Shôtôkan Dôjô und trainierte mit Funakoshi Gichin, Funaksohi Yoshitaka, Egami Shigeru, Nakayama Masatoshi, Kamata (Watanabe) Toshio u.v.w.
[33]
Vgl. Layton (1997), S. 74.
[34]
Kase in Budo International Magazin.
[35]
Harada in Layton (1997), S. 74.
[36]
Vgl. Kase in Noble (2000).
[37]
Vgl. Layton (1997), S. 71. [38] Vgl. Kase in Noble (2000). Diese Idee ist in der japanischen Mentalität durchaus nicht unproblematisch, da Egami sechs Jahre älter als Okuyama war und beide nahezu zeitgleich bei denselben Lehrern übten. Die Behauptung, dass der jüngere Okuyama seine Techniken selbstständig weiterentwickelte und diese dann an den älteren Egami unterrichtete, wäre nach klassisch japanischer Denkweise ausgesprochen unhöflich. In diesem Zusammenhang ist die eher vorsichtige Formulierung Kases zu verstehen. Bibliographie Budo International Magazin (Hrsg) (2001) : Kase Interview Cook, Harry, Shôtôkan Karate – A Precise History, Norwich 2001 Svinth, Joseph R., Kronos 1930-1939
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