Legenden des Jûdô: Maeda Mitsuyo – der Vater des brasilianischen Jû-Jutsu – verfasst von Matthias Golinski –
Mit seinen 164 cm Körpergröße und 68 Kilo kam Maeda Kanôs Kampfkunstauffassung ausgesprochen entgegen, basierte diese doch vollständig auf dem Prinzip des „Seiryoku Zenyô“ (höchst wirksamer Gebrauch der Energie). Maeda trainierte ehrgeizig und nahm am 1. Weihnachtstag 1898 erstmals an dem monatlichen Vereins-Wettkampf teil. Dort besiegte er auf beeindruckende Weise 15 Gegner in folge und bekam daraufhin den Shodan (Schwarzgurt) verliehen
[5]
. 1901 erhielt er den Sandan (3. Dan) verliehen und wurde daraufhin Jûdô-Ausbilder an der ‚Tôkyô Senmon Gakkô' und der ‚Gakushûin-Universität' (Gakushûin-Daigaku). Maeda entwickelte sich schnell zum vielversprechendsten Jûdôka des Kôdôkan [6] . Bereits 1904 erhielt er von Kanô den Yondan (4. Dan) verliehen und den Auftrag, Jûdô in den USA zu bewerben. Genauer gesagt sollte er den Ausbilder Tomita Tsunejirô (1865-1937) begleiten und diesen bei Vorführungen assistieren. Tomita war ein erfahrener Jûdô-Lehrer und eine wahre Legende des Kôdôkan. Er war 1882 der ersten Schüler des Kôdôkan und erhielt 1883 neben Saigô Shirô Kanôs erste Schwarzgurte. In den Anfangsjahren des Kôdôkan hatte er viele Herausforderungskämpfe gegen rivalisierende Jû-Jutsu-Schulen geschlagen und zählte in Japan neben Saigô, Yokoyama Sakujirô und Yamashita Yoshitsugu (1865-1935) zu den Shitennô, den vier Pfeilern des Kôdôkan [7] . Auch wenn er aufgrund seiner Größe kämpferisch nicht ganz mit den anderen dreien mithalten konnte, so erhielt er doch den meisten Unterricht durch Kanō selbst. Mit seinen knapp vierzig Jahren war Tomita ein erfahrener und technisch sehr versierter Lehrer. Außerdem sprach er fließend Englisch, [8] was ihn für diese Aufgabe zusätzlich qualifizierte. Die Shitenno (v.l.): Yamashita, Yokoyama, Saigo, Tomita Dem Wunsch ihres Lehrers folgend brachen die beiden bereits im November desselben Jahres von Yokohama aus auf und erreichte New York am 8. Dezember. Jûdô war zu dieser Zeit in den USA bereits ziemlich bekannt. War doch niemand geringerer als der 26. Präsident der USA Theodore Roosevelt, Jr. (1858 –1919) selbst begeisterter Anhänger dieser Kunst [9] . Im Januar 1905 gaben sie ihre erste Jûdôvorführung an der renommierten Militärakademie „West Point“ (auch ‚United States Military Academy', USMA) im Staat New York [10] . Bei der Vorführung demonstrierten Maeda und Tomita verschiedene Kata. Doch die praxisorientierten Militärs ließen sich von den gezeigten Techniken wenig beeindrucken und forderten stattdessen Vergleichskämpfe mit einigen ihrer Soldaten als Nachweis für die Effektivität des japanischen Systems. So trat Maeda gegen einen im Football und westlichen Ringen erfahrenen Amerikaner an. Der Kampf ging schnell auf den Boden und Maeda kontrollierte den Amerikaner in der ‚Guard'-Position (Do-Osae). Gleichzeitig drückte der Amerikaner Maedas Rücken auf den Boden, was im westlichen Ringen den Sieg bedeutete. Maeda war mit diesen Regeln allerdings nicht vertraut und erkämpfte sich einen Armhebel, welcher schließlich seinen Gegner zur Aufgabe zwang [11] . Die Soldaten waren mit Maeda Sieg keinesfalls zufrieden und forderten einen Kampf von Tomita. Genau aus diesem Grund hatte Kanô ihm den jungen und kampfstarken Maeda zur Seite gestellt. Als japanischer Ehrenmann stellte sich Tomita der Herausforderung, nahm den Kampf eher widerwillig auf und warf seinen ersten Gegner. Den zweiten Kampf gegen den körperlich stark überlegenen und deutlich jüngeren Football-Spieler Charles Daly verlor er allerdings [12] . Die beiden gaben daraaufhin noch eine Demonstration an der ‚Columbia University' und eröffneten im April 190 ein Jûdô-Dôjô am Broadway in New York City, wo sie allerdings überwiegend Japaner unterrichteten [13] . Wenig später brach Tomita in den Westen auf. Maeda hingegen unterrichtete zunächst halbtags an der renommierten ‚Princeton-University' in New Jersey [14] . Bei den dortigen Studenten hatte er allerdings mit seiner strikten japanischen Art des Unterrichts nur mäßigen Erfolg, was zu einer hohen Fluktuation seiner Schüler führte. Maeda selbst war schon immer ein Freund des Sake (jap. Reiswein) und des Feierns gewesen [15] . Ebenso hat er Herausforderungen selten im Raum stehen lassen. Frustriert von der Entwicklung als Jûdôlehrer nahm Maeda schließlich an illegalen Herausforderungskämpfen teil [16] . Dies war ein gravierender Verstoß gegen die Regeln des Kôdôkan, welche ihren Mitgliedern die Teilnahme an derartigen Kämpfen strikt untersagten. Seinen ersten Kampf dieser Art bestritt Maeda im Juli 1906 in Catskills, New York gegen John Piening, einen Ringer aus Brooklyn, den alle nur „Metzger“ nannten [17] . Piening war mit über 180 cm und 85 Kg deutlich größer und schwerer. Trotzdem besiegte Maeda den Ringer und legte damit den Grundstein für seine Karriere als Preiskämpfer.
In den folgenden beiden Jahren reiste das Quartett durch weite Teile Zentral- und Südamerikas und gab Jûdôvorführungen [32] . Nach einer Vorführung in El Salvador wurde Maeda sogar von Staatspräsident Manuel Enrique Araujo (1865-1913) persönlich als Ausbilder der Armee engagiert [33] . Da der reformfreudige Araujo allerdings am 9. Februar 1913 einem Attentat zum Opfer viel, wurde nicht viel aus der Vereinbarung und Maeda verließ mit der Gruppe das Land. Um 1914 erreichte Maeda Brasilien. [34] Dort kämpfte er nachweislich in Rio de Janeiro, São Paulo, Salvador, Recife, São Luís, Belém und Manaus [35] . In Manaus richtete er außerdem vom 4. bis zum 8. Januar 1916 ein Ringturnier aus, welches Satake Shinjiro gewann [36] . Am Tag drauf trennten sich auch die die „Vier Könige“ und Maeda blieb wahrscheinlich in Brasilien [37] . 1917 erhielt Maeda eine Arbeit im „American Circus“ der Queirolo Brüder [38] . Dort traf er wahrscheinlich den Geschäftsmann und Box-Manager Gastão Gracie [39] . Um die Jahreswende 1919/20 soll Maeda dann begonnen haben, Gastãos 17-jährigen Sohn Carlos im Jûjutsu zu unterrichten. [40] 1925 eröffnete Carlos Gracie dann seine eigene Jûjutsu-Schule in Rio de Janeiro. Während dieser Zeit soll Maeda mit einer Europäerin namens May Iris verheiratet gewesen sein und eine Tochter gehabt haben. Beide starben allerdings wenig später an Malaria. [41] 1929 bekam Maeda vom Kōdōkan den Rokkudan (6. Dan) verliehen. Trotz dieser Auszeichnung blieb er allerdings in Brasilien und wurde 1931 sogar brasilianischer Staatsbürger. [42] Maeda verstarb am 28. November 1941 im Alter von 63 Jahren an Nierenversagen. Sein Grab befindet sich auf dem Santa Isabel Friedhof in Belem, Para [43] . Die Urkunde des Kōdōkan zum Shichidan (7. Dan) wurde auf den 27. November 1941 datiert und traf somit erst nach Maedas Tod in Brasilien ein. [44]
Endnoten
[1]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 64.
[2]
Vgl. Werneck/Inagaki (2005a).
[3]
Kanô erhielt selbst das Menkyo Kaiden, die traditionelle Lehrerlaubnis im Tenshin-Shinyo-Ryu Jû Jutsu und im Kito-Ryu Jû Jutsu.
[4]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 64.
[5]
Vgl. Werneck/Inagaki (2005a).
[6]
Vgl. Wang (1996).
[7]
Der Begriff “Shitennô” wird häufig wörtlich als “vier Götter“ oder „vier himmlische Herren“ übersetzt. Im japanischen Sprachgebrauch wird es allerdings eher im Sinne der „großartigen vier“ oder der „glorreichen vier“ verwendet. Zu den diversen Herausforderungen und Vergleichkämpfen vgl. vertiefend Muramoto (2003). [8] Vgl. Kossayu Massao in Virgílio (2002), S. 22-25.
[9]
Roosevelt trainierte im März und April 1904 jeweils drei Nachmittage pro Woche mit Professor Yamashita Yoshitsugu. Vgl. ausführlich Svinth (2003).
[10]
Vgl. Werneck/Inagaki (2005a).
[11]
Vgl. Wang (1996).
[12]
Vgl. Wang (1996) und Green/Svinth (2003), S. 65.
[13]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 65.
[14]
Vgl. Wang (1996).
[15]
Vgl. Werneck/Inagaki (2005a).
[16]
Vgl. Wang (1996).
[17]
Vgl. Wang (1996) und Svinth (2003), S. 65.
[18]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 65.
[19]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 65.
[21]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 65 mit Verweis auf „Health and Strength“, 14. März 1908, S. 257.
[22]
Vgl. Wang (1996).
[23]
Vgl. Wang (1996) und Green/Svinth (2003), S. 66.
[24]
Vgl. Wang (1996). Der Spitzname stammt also nicht, wie oft behauptet, von seiner besonderen Würgetechnik mit der er seine Gegner bewusstlos (‚ins Koma') würgte, ab. Maeda gibt in einem europäischen Magazin an, dass ihm der Name von einem einflussreichen spanischen Fan gegeben wurde. Vgl. Virgílio (2002), S. 57.
[25]
Vgl. Svinth (2006).
[26]
Vgl. Svinth (2006).
[27]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 66.
[28]
Vgl. Svinth (2006).
[29]
Vgl. Green/Svinth (2003), S: 66.
[30]
Vgl. Svinth (2006).
[31]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 66 und Svinth (2006).
[32]
Vgl. Corcoran/Farkas/Sobel (1993), S. 213. Maeda wird dort als Media Eisei aufgeführt.
[33]
Vgl. Svinth (2006).
[34]
Entgegen zahlreicher Behauptungen war er allerdings nachweislich nicht der erste Jûdôka dort. Miura, ein junger Immigrant hatte Brasilien bereits 1908 mit der „Kasato Maru“ erreicht. Vgl. Green/Svinth (2003), S. 67.
[35]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 67.
[36]
Maeda nahm Aufgrund seiner Ausrichterfunktion selbst nicht teil. Vgl. Green/Svinth (2003), S. 67 und Barbosa de Medeiros (2002).
[37]
Vgl. Svinth (2006). Augenzeugenberichten zufolge soll Maeda zusammen mit Shimitsu nach Liverpool aufgebrochen sein und erst ein Jahr später zurückgekehrt sein. Vgl. Barbosa de Medeiros (2002). In London ist seine Einreise allerdings nicht dokumentiert. Vgl. Green/Svinth (2003), S. 67. Auch ansonsten ist nicht ersichtlich, welche Anreize Maeda zu diesem Zeitpunkt für eine solche Reise gehabt haben soll.
[38]
Vgl. Barbosa de Medeiros (2002).
[39]
Gracie managte zu dieser Zeit Alfredi Le conti, einen italienischen Boxer, welcher ebenfalls in dem Zirkus tätig war. Vgl. Barbosa de Medeiros (2002) und Green/Svinth (2003), S. 67.
[40]
Vgl. Gren/Svinth (2003), S. 67. Laut Hélio Gracie soll Carlos sein Studium direkt nach Maedas Ankunft in Brasilien 1914 begonnen haben. Vgl. Hélio Gracie in Nishi (2003).
[41]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 68.
[42]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 69.
[43]
Vgl. Werneck/Inagaki (2005b).
[44]
Vgl. Green/Svinth (2003), S. 69.
[45]
Vgl. Hélio Gracie in Nishi (2002).
[46]
Vgl. Niehaus (2003), S. 215.
[47]
Vgl. Hancock/Higashi (1906).
[48]
Vgl. Hélio Gracie in Nishi (2003). Vgl. auch http://www.gracieacademy.com/helio_gracie.html
[49]
Zitiert nach Kenji Tokitsu, in: o.V. (2000).
[50]
Vgl. Hélio Gracie in Nishi (2003). Bibliographie Barbosa de Medeiros, Rildo Heros (2002): The History of Judo: The Arrival to Brasil: Count Koma Corcoran, John/ Farkas, Emil/ Sobel, Stuart (1993): The Original Martial Arts Encyclopedia: Tradition – History – Pioneers, Green, Thomas A./ Svinth, Joseph R. (2003): The Circle and the Octagon: Maeda's Judo and Gracie's Jiu-Jitsu, in: Green, Thomas A./ Svinth, Joseph R. (Hrsg.): Martial Arts in the Modern World, Westport et al. 2003, S. 61-70. Hancock, Irving H./ Higashi, Katsukuma (1906): Das Kano Jiu-Jitsu (Jiudo), Muramoto, Niehaus, Andreas (2003): Leben und Werk KANô Jigorôs (1860-1938) – Ein Forschungsbeitrag zur Leibeserziehung und zum Sport in Japan, Würzburg 2003. Nishi, Yoshinori (2002): Interview with Hélio Gracie, in: Kakutou Striking Spirit 1. Mai 2002. o.V. (2000): Interviews with Kenji Tokitsu – Part 5 Svinth, Joseph R. (2003): Professor Yamashita Goes to Svinth, Joseph R. (2006): Tokugoro Ito, in: InYo: Journal of Alternative Perspectives, July 2006 Virgílio, Stanlei (2002): Conde Koma - O invencível yondan da história, Editora Átomo 2002. Wang, George (1996): History of Gracie Jiu-Jitsu Werneck, Rafael/ Inagaki, Shu (2005a): Count Koma – The Last Samurai, Graciemag.com, 10.11.2005. Werneck, Rafael/ Inagaki, Shu (2005b): Count Koma – Life and Death in Brasil, Graciemag.com, 10.11.2005.
© Matthias Golinski, 2008 Erstveröffentlichung: 15. September 2008 Die Abbildungen wurden dem Autor mit freundlicher Genehmigung von James Smith (www.judo-research.net) zur Verfügung gestellt. Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen dem Archiv des Autors oder sind mit der Genehmigung der jeweils verantwortlichen Dritten verwendet worden. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen, dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts unterliegen. Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage (weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.
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