| |
Ein Rückblick auf Funakoshi Gichin:
Häufige Fehler und Irrtümer
– verfasst von Matthias Golinski
–
Funakoshi Gichin (1868-1957) wird heute in Karatekreisen
meist als der „Vater des modernen Karate“ verehrt.
Zweifelsohne hat Funakoshi viel für das Karate
getan und maßgeblich zu dessen weltweiter Verbreitung beigetragen.
Bedauerlicherweise werden ihm aber immer wieder auch Verdienste angerechnet,
die er nachweislich nicht geleistet hat.
Um eins gleich vorne weg zustellen, die Idee dieses Artikels ist es nicht,
Funakoshi Gichins Verdienste für das Karate herabzuwürdigen,
oder ihn als Mensch zu diskreditieren. Mir geht es lediglich darum, mittels
geschichtlicher Forschung etwas Licht in ein Gewirr von Mythen und Vermutungen
zu bringen.
• Nicht Vater des
modernen Karate-Dô
Karate wurde im vergangenen Jahrhundert in mehreren Aspekten
und zu verschiedenen Zeitpunkten stark verändert: Die ersten bedeutenden
Veränderungen wurden von Funakoshis Lehrer Itosu Ankô
(1830-1916) eingeführt. Itosu hatte den Wunsch Karate
auf Okinawa als Schulsport einzuführen. Nach herrschender Meinung
unter den Kampfkunsthistorikern schuf er zu diesem Zweck die fünf
Pinan (Heian)-Kata[E01].
Außerdem führte er einige Veränderungen in der Technikausführung
ein, damit sich die Schulkinder zum einen bei missbräuchlicher Verwendung
der Techniken gegenseitig nicht zu sehr verletzen können und zum
anderen einen möglichst großen Teil ihrer Körpermuskulatur
trainieren. Eine Technik, die beide Aspekte hervorragend vereint und als
dessen Erfinder Itosu gilt, ist der „Korkenzieher-Fauststoß“
(Seiken choku zuki)[E02].
Ein weiterer bedeutender Innovationsquell war Funakoshis dritter
Sohn Yoshitaka. Er war von 1938 an bis zu seinem Tod (1945) Chefausbilder
im Dôjô seines Vaters. Yoshitaka unterrichtete
im Gegensatz zu seinem Vater ein kämpferisch orientiertes Karate
mit tiefen, festen Stellungen. Er beschäftigte sich viel mit Freikampfübungen
und unterrichtete während des II. Weltkriegs japanische Eliteeinheiten.
Yoshitaka prägte so maßgeblich das Karateverständnis
von Egami Shigeru, Hironishi Genshin oder Obata
Isao, also jenen Meistern, die sich nach dem Krieg stark für
die Verbreitung des Karate einsetzten.
Nakayama Masatoshi (1913-1987) war 1949 Gründungsmitglied
der JKA (siehe unten) und hat als langjähriger Chefausbilder ebenfalls
maßgeblich das Karate mitgeprägt, welches später
durch die offiziellen Instruktoren dieser Organisation weltweite Verbreitung
erlangte. Durch die strikte Konzentration auf den sportlichen Wettkampf
und durch seine zahlreichen Publikationen hat er, neben anderen, wesentlich
zur Veränderung des Karate beigetragen. Interessant ist
in diesem Zusammenhang nur, dass Nakayama bei weitem nicht so
intensiv bei Funaksohi Gichin gelernt hat, wie es heute oft dargestellt
wird.
Grundsätzlich veränderte Funakoshi Gichin
die Kata nur namentlich und nicht inhaltlich. Die Umwandlung
von okinawanischen in japanische Bezeichnungen (Pinan =>Heian,
Passai => Bassai, Chintô => Gankaku,
Seisan => Hangetsu etc.) kann gerade im Vergleich
zu den Veränderungen der anderen genannten Personen nicht als so
herausragend bezeichnet werden. Viele Veränderungen Funakoshis
hatten keinen Bestand und werden heute in weiten Teilen des Shôtôkan
nicht mehr berücksichtigt (z.B. die Taikyoku Nidan &
Sandan, die Ten no Kata Omote & Ura etc.).
• Nicht Kanji-Wechsel von
"China Hand" in "Leere Hand"
Früher auf Okinawa wurde Karate mit den japanischen Schriftzeichen
(Kanji) für "China" (Tou oder Kara)
und "Hand" (Di oder Te) geschrieben, da die
Techniken ursprünglich aus Süd-China importiert wurden. Im nationalistischen
Japan des frühen 20. Jahrhunderts wurden jedoch verstärkt anti-chinesische
Tendenzen laut, sodass es einer Änderung der Schriftzeichen bedurfte.
Die japanische Sprache ist recht komplex und hat viele Schriftzeichen,
die gleich ausgesprochen werden. So wurde das Schriftzeichen für
China einfach durch das gleichlautende Kanji für "Leere"
oder "Himmel" ersetzt.
Diese Änderung der Schriftzeichen fand jedoch nicht, wie oft behauptet,
durch Funakoshi Gichin statt. Die neuen Kanji wurden
nachweislich zuerst von Hanashiro Chômo (1869-1945), einem
direkten Schüler von Matsumura Sôkon, in seiner Veröffentlichung
"Karate Kumite" (1905) verwendet [E03].
Mit Sicherheit hat Funakoshi, genauso wie Miyagi Chôjun
(1888-1953) oder Mabuni Kenwa (1889-1952), stark zur Verbreitung
der neuen Zeichen beigetragen. Verantwortlich für die Änderung
ist er jedoch nicht.
• Nicht erster Karatelehrer
und/oder einziger Karatelehrer in Japan
Der okinawanische Kumite-Experte Motobu Chôki
siedelte 1921 von Okinawa auf die japanische Hauptinsel um und traf somit
ein Jahr früher als Funakoshi dort ein. Auch war Funakoshi
in dieser Zeit (1922-1940) schon gar nicht der einzige Karatelehrer
auf der Hauptinsel. In den späten zwanziger Jahren gab es eine Vielzahl
von Karatelehrern in Japan. Mabuni Kenwa, Miyagi
Chôjun und Motobu Chôki hatten entweder feste
Schulen oder unterrichteten zumindest öfter auf der Hauptinsel. Neben
diesen vier bekanntesten gab es auch noch einige weniger bekannte Lehrer.
Mache von ihnen waren ausgesprochen gut, die meisten aber waren wohl lediglich
Trittbrettfahrer, die mit der 'mystischen Kunst’ etwas Geld verdienen
wollten [E04].
• Kein Freund des sportlichen Wettkampfs
Funakoshi war Zeit seines Lebens ein vehementer Gegner des sportlichen
Wettkampfs (Shiai). Er sah durch den kompetativen Zweikampf die
bedeutenden charakterbildenden Werte seines Karate gefährdet
[E05]. Und wahrlich erfordert das Shiai eine
komplett andere Geisteshaltung als Funakoshi sich vorstellte.
Während der Wettkampf auf den Sieg über den Gegner abzielt,
plädierte Funakoshi stattdessen für den Kampf gegen
sich selbst.
• Nicht der Begründer der JKA
Die Nihon Karate Kyôkai (Japan Karate Association)
wurde 1949 von Nakayama Masatoshi, Obata Isao (1904-1976)
und Nishiyama Hidetaka (*1928) gegründet und Funakoshi
Gichin gegen seinen Willen zum Chefausbilder Emeriti ernannt. Die
JKA verwendete Funakoshis Namen als Aushängeschild, obwohl
er strikt gegen die Politik der Organisation war [E06].
• Nicht Erfinder des Graduierungssystems
Das Dan-Graduierungssystem wurde von dem Japaner Dosaku Honinbo
(1645 - 1702) in dem japanischen Brettspiel Go eingeführt.
Das Kyu-System kam etwas später hinzu. Es ist sehr wahrscheinlich,
dass Kanô Jigoro (1860-1938), der Begründer des modernen
Jûdô, dieses System für seine Kampfkunst übernahm.
Funakoshi war während seiner Zeit in Japan gut mit Kanô
befreundet und hat das System von Kanô übernommen.
Funakoshi hat das Graduierungssystem im Karate eingeführt,
aber erfunden hat er es nicht.
• Nicht der beste Karatemeister
auf Okinawa
Funakoshi Gichin gehörte niemals zu den großen Karate-Persönlichkeiten
auf Okinawa. Bis zu seinem Umzug nach Japan hat er niemals bedeutende
Karate-Schüler auf Okinawa unterrichtet. Unter den Meistern
des Toudi war Funakoshi wegen seiner mangelnden Kampferfahrung
und zierlichen Statur durchaus umstritten. In der Geschichte der okinawanischen
Karatestile spielt er heute keine Rolle. Es waren eher seine
guten Manieren und seine perfekten Japanischkenntnisse, als seine Karatefähigkeiten,
welche ihn für seine Funktion als Botschafter qualifizierten.
• Nicht Begründer des Shôtôkan-Stils
Funakoshi Gichin war Zeit seines Lebens ein Gegner der diversen
Schulen und Stilrichtungen im Karate. Er hatte weder das Bestreben,
einen eigenen Stil zu gründen, noch wollte er einem solchen vorstehen.
In seiner Autobiographie „Karate-Dô – Mein Weg“
schrieb er dazu: “Ein ernstes Problem, das meiner Meinung nach das
heutige Karate-Dô beeinträchtigt, ist das Überhandnehmen
verschiedener Schulen. Ich glaube, dies wird auf die zukünftige Entwicklung
eine schädliche Wirkung haben. [...] Im heutigen Karate
ist kein Platz für unterschiedliche Schulen. [...] Auch verbindet
man meinen Namen und den meiner Kollegen mit der Shôtôkan-Schule,
aber ich weise diesen Versuch einer Klassifikation schärfstens zurück.
Ich glaube, dass alle diese »Schulen« miteinander verschmolzen
werden sollten, so dass sich das Karate-Dô auch in Zukunft
normal und nutzbringend weiterentwickeln kann.“ [E07]
Endnoten
| [E01] |
Vgl. Bishop. S. 88ff.
zurück |
| [E02] |
Vgl. Bishop. S. 88ff. zurück |
| [E03] |
Vgl. McCarthy, S. 55ff. zurück |
| [E04] |
Vgl. McCarthy (1999), S. 14ff. zurück |
| [E05] |
Vgl. Lind, S. 281ff., McMahon, S. 1 zurück |
| [E06] |
Vgl. Lind, S. 302ff., Corcoran/Farkas, S. 75 zurück |
| [E07] |
Funakoshi, S. 62ff., Vgl. auch Nakayama
in Schiffer, S. 14 zurück |
Bibliographie
| Bishop, Mark, Okinawan Karate: Teachers,
Styles and Secret Techniques, Charles E. Tuttle Company,
Rutland (2)1999 |
| Corcoran, John, Farkas, Emil, Sobel, Stuart (Hrsg.),
The Original Martial Arts Encyclopedia – Tradition-History- |
| |
Pioneers, Pro-Action
Publishing, Los Angeles 1993 |
| Funakoshi, Gichin, Karate-Dô:
Mein Weg, Werner Kristkeitz Verlag, Heidelberg-Leimen
1993 |
| Lind, Werner, Okinawa-Karate: Geschichte
und Tradition der Stile, SVB Sportverlag Berlin, Berlin
1997 |
| McCarthy, Patrick, Ancient Okinawan
Martial Arts, Vol. 2, Tuttle Publishing, North Clarendon
1999 |
| Schiffer, Norbert, Die "unendliche
Geschichte" der J.K.A. - Ein Interview mit Masatoshi Nakayama,
in Budô Karate, |
| |
Satori Verlagsanstalt, Kempen 10/98,
S. 10-14 |
Druckversion
(als PDF-Datei)
© Matthias Golinski, 2003-2004
www.TSURU.de
Erstveröffentlichung: 10. Juli 2003
Sämtliche Abbildungen auf dieser Homepage entstammen
dem Archiv des Autors oder sind mit der Genehmigung der jeweils verantwortlichen
Dritten verwendet worden. Ich möchte ausdrücklich darauf hinweisen,
dass Homepages (mit all ihren Einzelheiten) auch dem Schutz des Urheberrechts
unterliegen.
Ohne die schriftliche Erlaubnis des Autors darf kein Teil dieser Homepage
(weder Abbildungen noch Texte) in irgendeiner Weise reproduziert werden.
zurück
|