Tegumi – Karates vergessene Reichweite – verfasst von Iain Abernethy –
Das Packen und Greifen im Karate wird heute kaum trainiert, aber es ist wichtig zu verstehen, dass dies einmal genau so ein Teil des Karate war, wie Schlagtechniken, die heute allgemein mit der Kampfkunst in Verbindung gebracht werden. SHIGERU EGAMIschreibt, in seinem Buch "The Heart of Karate-Do", "es gibt auch Wurftechniken im Karate... Wurftechniken wurden zu meiner Zeit praktiziert und ich empfehle, dass sie wieder betrachtet werden." GICHIN FUNAKOSHI referenziert auch auf das Packen und Greifen in "Karate-Do Kyohan". Er schrieb, "... in Karate sind Schlagen, Stossen und Treten nicht die einzigen Methoden; Wurftechniken und Druck gegen Gelenke sind enthalten." Alle diese Techniken des Karate sind in den Kata enthalten und wir müssen in sie schauen, wenn wir diesen wirklich wichtigen Teil der Kunst wiederbeleben wollen.
Vor 1900 wurde den Tegumi-Elementen im Karate genau so viel Bedeutung beigemessen, wie den Schlagtechniken. Das Karate-Training enthielt Würfe, Gelenkhebel, Würge- und Greiftechniken, Konter etc.. Tatsache ist auch, dass die frühen Karateka ihre Fähigkeiten in Runden des "Kakedameshi" getestet haben. Die Kämpfer verschränkten ihre Arme ineinander und das Ziel war es, den Gegner zu Boden zu schlagen, indem man beides, Tegumi und Schlagtechniken benutzte. Diese Kämpfe beinhalteten ein weites Feld von Karate-Techniken (Ringen und Schlagen) und waren wirklich sehr unterschiedlich zu den heutigen „Nur-Schlagen-Wettkämpfen“. In dem Buch "Ryûkyu Karate Kempo" schreibt MOTOBU CHOKI: "Kumite ist der eigentliche Kampf, der viele grundlegende Arten von Kata benutzt, um sich mit dem Gegener auseinanderzusetzen." Es ist offensichtlich, dass die früheren Karateka Pack- und Greiftechniken aus den Kata in ihrem Training und den Übungskämpfen verwendet haben. Um etwa 1905 – als das Karate viele Änderungen erfahren hat, um es für die körperliche Schulung der Schulkinder auf Okinawa anzupassen – wurde die normale Übung der gefährlicheren Techniken untersagt. Diese Rationalisierung des Karate-Trainings führte dazu, dass viele Aspekte des Tegumi aufgegeben wurden. Hauptsächlich durch diese "kosmetische" Veränderung des Karate ist das Packen und Greifen nicht länger ein allgemeiner Bestandteil in der Mehrheit der heutigen Karate Dôjô. Allerdings, wenn wir Karate als komplettes Kampfsystem praktizieren wollen, sollten wir uns bemühen, Tegumi einzubeziehen. Das faszinireende daran ist, dass die Kata eine lebende Aufzeichnung dieser Methoden sind! Wenn wir Kata in der nötigen Tiefe studieren, sind alle Aspekte der ursprünglichen Kampfkunst Karate erfaßbar (inkl. Tegumi). In den Kata gibt es ein große Anzahl von Pack- und Greiftechniken in Ergänzung zu den allgemein gelehrten Schlagtechniken, wobei die Mehrzahl der Kata den integrierten Gebrauch von beiden Methoden zeigt. TOSHIHISA SOFUE, 7. Dan, sagte hierzu: "Acht Prozent der/einer Karate Kata ist werfen und hebeln." (Meiner Ansicht nach sind es wenigstens im Gôjû-Ryû weit mehr. Anm. des Übers.). Und trotzdem sieht man selten Würfe und Hebel in den heutigen Dôjô. Es gibt verschiedene Unterkategorien des Tegumi: Tuide (packen/greifen), Nage-waza (Würfe), Kansetzu-waza (Gelenkhebel), Shime-waza (Würgetechniken), Ne-waza (Bodenkampf), Gyaku-waza (Kontertechniken) etc. All diese können in den Kata gefunden werden. Wenn wir die Kata in der nötigen Tiefe studieren, können wir anfangen, diese überaus wirkungsvollen Methoden in unser täglichen Training zu integrieren, so dass wir nicht total verloren sind, wenn der Kampf in die Nahdistanz übergeht (was fast immer passiert!).
Es ist wichtig zu verstehen, dass die Kata als erstes eine Aufzeichnung der Kampfkonzepte und -prinzipien sind. Diese Konzepte und Prinzipien sind sehr viel wichtiger als die Techniken, welche benutzt werden, sie zu demonstrieren. Wir sollten die Pack- und Greifmethoden der Kata in solcher Tiefe studieren, dass wir die Techniken – gerecht den Prinzipien auf denen sie beruhen – in jeglichem Umstand, in dem wir uns befinden, anwenden können. Meister CHOTOKU KYAN (1870 - 1945) – eine seiner Lieblingskatas war Seishan – wendete die "Fischhaken"-Technik mit gutem Erfolg in einer Auseinandersetzung mit einem 6. Dan Jûdôka, SHINZOU ISHIDA, an. Meister KYAN besuchte Japan, um eine Karate Demonstartion zu geben. ISHIDA, ein fähiger Jûdôka, hatte KYAN nach einem Kampf gefragt, weil er den Wert des Karate feststellen wollte. Als ISHIDA sich ausstreckte, um seinen Gegener zu fassen, glitt KYAN zur Seite und stieß seinen Daumen in ISHIDAs Mund. KYAN schloss seine Finger, trat auf ISHIDAs Fuß und zog den aus dem Gleichgewicht gekommenen Jûdôka an seiner Wange zu Boden. KYAN schlug dann mit einer Hammer-Faust (Tetsui Uchi, Anm. d. Übers.) in Richting von ISHIDAs Kiefer und stoppte knapp über dem Ziel. ISHIDA war beeindruckt von KYANs Fähigkeiten, bat um eine Unterweisung und erhielt ein tägliches Training von ihm, bis er nach Okinawa zurückkehrte. Dies ist ein schönes Beispiel für den effektiven Einsatz von Tegumi Prinzipien, wie sie in den Kata enthalten sind.
© Ralf Budde, 2003-2004 Der Text wurde mir mit freundlicher Genehmigung der Übersetzer zur
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